Fernab von zähen Warteschlangen und zynischen Festzügen, im gelben Gestank der Belomorkanal-Schwaden, hinter der Sperrholzbarrikaden der Parteibüromöblierung, unter der papiernen Aufsicht der von den Wänden wachenden Parteititanen ersannen die Wirtschaftsphantasten und Fünfjahresplan-Mystiker Gehälter, die Kwasverkäufer und Klavierlehrerinnen durch »Haltura« – die Schwarzarbeit der Schattenwirtschaft in der Sowjetära, – gezwungen waren aufzustocken.
Während die Fabel vom Fortschrittsgalopp zu bleiernen Prawda-Schlagzeilen erstarrte, blieb die Farbfotografie hinter der Eisernen Vorhang bis zum Ende der 1970er Jahre eine Seltenheit, wenn nicht sogar eine bösartige Fiktion der kapitalistischen Propaganda – obwohl sie seit Ende der 1950er Jahre in den Taschen fast aller westlichen Verbraucher zum Schnappschuss griffbereit war.
Der Trost eines zaghaften Erzähl- und Selbsttäuschungswillens drückte sich in den zarten Farben des Nachkolorierens aus. Unter dem Vorwand und dem Schutz der Nostalgie durfte ganz nach eigenem Belieben nachkoloriert werden – der Kwasverkäufer schrieb die entfärbte Vergangenheit selbst um. Die dünnbeinigen Holzstaffeleien stellten sie in ihren Küchen auf den bereits verschlissenen PVC-Böden der Chruschtschowkas, den Betonödnissen an den Stadträndern.
Die Massenlandflucht, eine Folge von Stalins Zwangskollektivierung und Industrialisierungseifer, offenbarte einen Wohnraummangel, der sich in programmatischen Mobilitätsrestriktionen und atemloser Zersiedelungshektik entlud. An den zerzausten Stadträndern wuchs eine vertraute Skyline aus Turmdrehkränen, Sandhaufen, verlassenen Laderaupen und Mastleuchten. Die aufgepeitschte Bauwut schlug in Baufrust um und mündete letztlich – aufgrund des ubiquitären Defizits und der Planungsunordnung – in Bauennui. Die Skyline verflachte durch Erosion und Plünderung. Die vorstädtischen Narbenlandschaften erlahmten im Werden, Warten und Erwarten der 60er und 70er Jahre.
Trotz der Gruben für die Betonsockel der baldigen Leninstatuen oder der Sicheln-und-Hämmer-schwingenden Kolchose-Kolossen, trotz abgezirkelter Grünflächen und Spielplätze auf Plänen, die sorgsam gefaltet in den Schubladen der Parteistädteplaner vergilbten, trotz Holzpfosten, die Trolleybus-Haltestellen ankündigten, trotz Blitzableitern auf den Dächern und Lichtern in den Fenstern, lagen die besiedelten Neubausiedlungen brach.
An Samstagen, nach dem gefügigen Makulatursammeln fürs Vaterland, scheuerten die Kwasverkäufer mit Pastellkreidestaub die Familienfotos bunt, weder schöpferisch ambitioniert noch von Kundenwünschen getrieben. Stumpfsinnig rieben und schmierten sie für ihre Abnehmer, die ihrerseits weder Ansprüche stellten noch ein Recht auf Mängelrügen besaßen. Als dann anschließend die verbrauchten Rubel die Hände wechselten, stieß man vielleicht mit Horilka an, um wort- und freudlos das Business zu begießen und ohne Händedruck davon zu eilen.
In der rot-schwarzen-Tyrannei der Parteilosungen war der dünne Farbschleier des Nachkolorierens eine gehauchte Klage, ein wortloses Sichtbarmachen der Last des Stummheit, ein zwanghaftes Räuspern im Schweigediktat, der Seufzer nach Sorglosigkeit. Die bis in die späten Siebzigerjahre hinein noch üblichen Graustufenfotos gaben eine schmucklose Realität wieder, die sich zu einem bloßen Versprechen von Farbe in einer fernen Zukunft hinausdehnten – einer trotz allem unvermeidlichen Zukunft, in der Farbe überflüssig, verboten oder gerecht verteilt sein wird wie Hackfleisch oder Urlaubstage.
In den monochromen Fotos drängten sich heimatlose Muster, Strukturen und Texturen in den Sichtfeld. Das Auge suchte in ihnen die Monotonie des Vertrauten, den Fluchtpunkt brutalisierter Homogenität, um sich in ein passives Hinsehen zu verlieren: »Ich erkenne nicht – ich fühle nichts.«
Ich erkenne nicht
Das manipulierte Motiv, durch das anfängliche Entfärben und nachträgliches Kolorieren, unkenntlich gemacht, verunsicherte das Auge, und mit ihm mühte sich das Gehirn ab, den Widerspruch zwischen dem Gesehenen und der Erinnerung, die aufbegehrte, sich widersetzte, die Echtheit der Aufnahme anzuerkennen, zu versöhnen.
Ich fühle nichts
Das vom Kwasverkäufer beliebig nachkolorierte Foto – ein bloßer Pappdeckel, rahmenlos, mit Glanzkunststofffolie überzogen und mit ausklappbarem Pappstandfuß – wurde neben dem Teeservice und der leeren Cognacflasche aus Tbilissi in die Vitrine gestellt und verstaubte zu einer historischen Requisite. Eingereiht in die Parade authentischer Erinnerungsstücke und greifbarer Andenken, Fetzen von tatsächlich Geschehenem, vergilbten nachkolorierten Bildnisse ins Authentische, Staub und Patina belegten ihre Echtheit. Nach und nach gewöhnte sich das Auge daran, brachte das Entfernte an das zuverlässig Signifikante näher. Der Zweifel legte sich, die Erinnerung schwieg und gab die nacherzählerische Hoheit an das kolorierte Schwarz-Weiß-Bild ab. Die eintretende Derealisation war sowohl zweckmäßig als auch endgültig und in der sich ein „War das so?” unmerklich zu einem „So war es” entfremdete.