Kategorie-Archiv: Gelesen und besprochen

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Bücher 2016

Pflichtlektüren

C. Ransmayr Die Letzte Welt
H. Hesse Der Steppenwolf
S. Zhadan Depeche Mode
M. Duras Moderato Cantabile
H. Kang Die Vegetarierin
C. Brontë Jane Eyre
I. Nemerovsky Die Familie Hardelot 

Dazwischen

Robert Harris Dictator (Cicero Trilogy)
A. Bennett
– Cosi fan tutte
– The Uncommon Reader 
C. McCullough (Masters of Rome series)
The first man in Rome
 
The Grass Crown
Tracy Chevalier Reader, I Married Him: Stories Inspired by Jane Eyre
Heather Glen The Cambridge Companion to the Brontës

E.M. Forster Howard’s End (zum 3. Mal)

 

…auf dem Nachttisch

E. Hemingway Men without Women
Siri Hustvedt Summer w/o Men
Adam Tooze The Deluge: The Great War and the Remaking of Global Order 1916-1931 (…immer noch)
Steven Weinberg To Explain the World: The Discovery of Modern Science
M. Stewart The Crystal Cave (zum 3. Mal)

H.G. Wells The Time Machine

…unter dem Weihnachtsbaum

H.P. Lovecraft The Complete Fiction

Arthur I. Miller »Deciphering the Cosmic Number«

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There are some books you do not find, they find you. As the one I will review here. The book was a gift I received for my birthday from someone who knows my interests: physics, as this is what I studied, and the workings of the mind, or psychology, a faculty that I have been interested in since long.

The book is a dual biography of two outstanding scientists of the 20th century: Carl Jung and Wolfgang Pauli, and how they met and worked together. The hardcover edition has roughly 350 pages, quite a lot of illustrations and eight pages with reproductions of photographs in the middle.

I would divide the book roughly in three parts.

The first part is an entertaining description of the lives of Carl Jung and Wolfgang Pauli from the beginning of the century until the 30s, embedded in the development of quantum physics and psychology, with lots of references to other famous scientists from the epoch as well as from three thousand years of science that preceded. In that era fell two of Pauli’s most important achievements: the exclusion principle (Pauli principle) and the prediction of a new particle, the neutrino, discovered shortly thereafter.

What was particularly striking to me was that Pauli, apart from being a pointed critic, led two lives: the day-life of a genius of his time, and a night-life spent drinking, whoring, fighting. It was the latter that brought Pauli to ask Jung for help, when he saw that his life started falling apart. Given that Arthur I. Miller, PhD in physics, is Emeritus Professor of History and Philosophy of Science at University College London, the first part is, sadly, also the best part.

The second part is basically an enumerative description of the psychoanalysis of Pauli’s dreams by Jung. I mostly lacked the understanding of the references to alchemy, mandalas and symbolism, and did not find a proof for Jung’s interpretation of Pauli’s dreams being more than a best-guess ex-post explanation. I found the second part rather boring and I admit that I even skipped some sections. Nonetheless, Miller had spent quite some effort on working through the rich correspondence between Pauli, Jung and other psychologists, as well as what was left in terms of documentation. Certainly of value is the critical acclaim of what role Jung played for nazism.

The third part mostly deals with the post-war era of quantum physics, cumulating in Pauli’s third achievement: the formulation of CPT invariance. Apart from that, it shows Pauli’s and others’ fruitless efforts to derive the fine structure constant from first principles. The third part again is embedded in the history of post-war physics, making references to other great scientists of that time.

Is the book worth a read? Yes, I would definitely recommend it. It can be understood by laymen both of physics and psychology, who do not allow themselves be let betrayed by the somewhat lurid title. The book is quite entertaining which helped me to get over the deficiencies in understanding Jung’s theories.

 

 

Ct. de Bug “Rabea und die Roboter”

“Rabea und die Roboter” von Ct. de Bug ist ein Entwicklungsroman, der sich wohltuend vom dem Einheitsbrei der Ponyhof-Romantik, Zauberer-Bücher und Jungs-und-Mädchenbanden-Geschichten für die Leserschaft der 12- bis 14-jährigen abhebt. In dreizehn lose zusammen hängenden Episoden beschreibt der Roman die Entwicklung der Teenagerin Rabea vom Beginn der Pubertät bis zur jungen Frau. Das Besondere an dem Buch: der Stil und die Komplexität der Geschichten entwickeln sich mit Rabea. Sind die ersten Geschichten noch von einer gewissen Schlichtheit und gut für 12-jährige geeignet, so werden die Episoden von Mal zu Mal vielschichtiger. Rabea begegnet auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden immer komplexeren Persönlichkeiten in immer verwickelteren Geschichten. De Bug eifert dabei auch hinsichtlich des viktorianischen Erziehungsideals seinem erklärten Vorbild “The Diamond Age” von Stephenson nach, ohne dies jedoch, auch mit Blick auf die junge Leserschaft, wirklich erreichen zu können. Hierbei knüpft der Autor an die Vermittlung der klassischen Tugenden an und lehrt unterhaltsam, ohne zu belehren.

Die Rahmenhandlung ist rasch erklärt: sie spielt in einer Sternenregion am Rande unserer Galaxis in einer fernen Zukunft. Vor zwei Jahren tötete eine Epidemie fast alle Erwachsenen. Bis auf ganz wenige Alte blieben nur die Kinder zurück. Die zwölfjährige Rabea erhielt von ihren Eltern, einem Paar hoch dekorierter Diplomaten, vor deren Tod ein Raumschiff namens Aristoteles, einen überlebensgroßen Kampfroboter namens Nike, und den Rat, sich auf die Suche nach dem Heimatplaneten der Menschheit zu machen. Das Raumschiff ist dem Mädchen fortan Zuhause und Lehrer, und der Roboter bietet Schutz. Gerät Rabea in einer der Episoden einmal in zu große Gefahr, ist Nike der Deus Ex Machina, der Rabea immer wieder vor dem Wagnissen und Wirnissen einer von Robotern bewirtschafteten und von Kindern und Jugendlichen bewohnten Welt bewahrt.

Um es vorweg zu nehmen: am Ende findet die 19-jährige Rabea weder den Heimatplaneten noch die große Liebe. Ein Buch mit vielen offenen Enden. Charaktere werden in den Episoden entwickelt, um dann auf immer zu verschwinden oder in späteren Episoden in kleinen Nebenrollen wieder aufzutauchen. Ein Buch, das auch zum weglegen verleitet. Um es dann ein oder zwei Jahre später wieder in die Hand zu nehmen, wenn die junge Leserin oder der junge Leser die Reife für die nächste Episode erreicht hat. So wird Rabea erwachsen in einer Welt, in der es keine Erwachsenen mehr gibt. Und die Leserinnen und Leser mit ihr. Ein interessantes Experiment, auch vom literarischen Standpunkt.

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Nr. 53 Brontë »Jane Eyre«

Vorher war alles weichgezeichnet. Erst vor gar nicht so langer Zeit verflog der Zaubernebel meiner Kindheitserinnerungen an die Sowjetunion der 70ger. Fast drei Jahrzehnte lang glaubte ich an die programmatische Gleichberechtigung innerhalb des Regimes. Von kolossalen Plakaten umgeben, auf denen heroische Traktoristinnen mit hochgekrempelten Ärmeln die endlosen Weizenfelder bestellten, maskuline Schweißerinnen im fernen Wladiwostok an Atom-U-Booten herumlöteten, und Kosmonautinnen das kommunistische Credo ins Weltall hinaustrugen, wurde ich zu einer Mini-Kommunistin herangezüchtet, indoktriniert und gebrainwashed. Für den Wettkampf mit dem Kapitalismus mobilisierte der Propagandaapparat jeden Sowjetbürger und jede Sowjetbürgerin.

Die Feuertaufe der Oktoberrevolution versprach die Abschaffung aller Misstände, die totale und endgültige Emanzipation aller Unterdrückten und die Errichtung einer gerechteren Weltordnung, in der sie die Herrschaft des Proletariats anstelle des Patriarchats glaubte installiert zu haben – Zeit für eine besonnene Prüfung der Misstände, für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Problematik der Gleichberechtigung, zum Beispiel, blieb im Tumult der gespenstischen Ereignisse von 1917 nicht übrig. Stattdessen wurde systematisch an den ideologischen Voraussetzungen für eine kollektive Verdrängung vor sich hin gestümpert und mit dem Repressionsrüstzeug aus dem üppigen Arsenal einer Diktatur den Rechtstatt fachmännisch abgebaut. Vom Rest der Welt abgeschirmt – der Welt, die sich wandelte, blieb im Sowjetreich die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umwälzung, einschließlich des klassischen Rollenverständnis’ der vorrevolutionären Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, aus. Das hierarchisch – und weiterhin patriarchalisch – aufgebaute Kollektiv, dem das Individuum generell untergeordnet war, stufte die Frau noch unter ihrem männlichen Genossen ein und führte zur ihrer absoluten gesellschaftlichen Ent- und Abwertung. Gewiss und gern, durfte sie Kohle abbauen, konnte jedoch ihren gewalttätigen kohleabbauenden Mann nicht zur Rechenschaft ziehen; auch konnte sie Schulter an Schulter mit Genossen die Baikal-Amur-Magistrale durch die sibirische Tundra legen, jedoch war sie dabei den Übergriffen ihrer Kumpels schutzlos ausgeliefert. Im Regime der glorreichen Zwangsvollbeschäftigung war Feminismus eine dekadente Doktrin der Kapitalisten, ein degeneriertes Hirngespinst imperialistischer Pseudo-Intellektuellen.

Zu Acht saßen wir an diesem, für Mitte Juli zu kühl geratenen, Freitagabend auf der üppig begrünten Terrasse und stellten zuletzt die Frage, die keine Besprechung dieses Werkes umhin kommt zu stellen: ist Jane Eyre ein feministischer Roman?

Durch das Prisma der feministischen Theorie begutachtet, ist Brontes Kühnheit, eine originäre Heldin erschaffen zu haben, deren Charakter weder in die Gussform des literarischen Archetypen einer liebenswürdigen Protagonistin passt, noch den gesellschaftlichen und sozialen Konventionen ihrer Zeit folgt, gewiss vorbildlich. Zwar bedient sich die Autorin durchaus einiger Klischees, sie werden indes als Genreverweis, Plotwerkzeug, oder schriftstellerische Unerfahrenheit marginalisiert.

Das morphologische und sozialökonomische Portfolio, mit dem Bronte ihre Heldin ausstattet, stellt Jane gesellschaftlich eine geringe Rendite in Aussicht. Schnell begreift Jane – geistig lebendig und wachsam – dass die Welt ihrer kümmerlichen Gattung kaum Lebensraum alloziert und nur bedingt bereit ist, sich ihrer zu erbarmen. Diese – ihre – von Männern beherrschte Welt, geprägt von Klassenbewusstsein, Sexismus, Rassismus und kolonialem Narzissmus, ist von Frömmlern, opportunistischen Schönheiten, verarmtem und verbittertem Landadel, hedonistischen Zynikern, selbstverleugnenden Extremisten, herrschsüchtigen Feiglingen, hysterischen Nymphomaninnen und devoten Kleingeistern besiedelt. In dieser Welt genügsam und autark zu sein, um nicht irregeführt oder von ihr überwältigt zu werden, um darin zu überleben scheint der einzig wirksame Lebensentwurf zu sein.

»…You must be tenacious of life«, beschließt Rochester süffisant, nach dem Jane ihm von ihrer Aufenthalt im Lowood-Internat erzählte. Seine nonchalante Bemerkung skizziert nicht nur Janes Charakter, sondern umschreibt en passant die katastrophalen Lebensbedingungen der Internate und Waisenhäuser der viktorianischen Epoche und offenbart die unhaltbare Misstände der Sozialstrukturen jener Zeit, von denen insbesondere Dickens, aber auch Elisabeth Gaskell noch berichten werden.

Jane ist entschlossen das Beste aus diesem ihrem Leben zu machen. Und ja, das ist Jane allerdings – eine Überlebenskünstlerin. Einige Zeit später, bereits trunken vor Liebe für sie, in einem rührseligen und wortreichen Rechtfertigungsmonolog, wird Rocherster diesen Überlebensdrang des Underdogs am eignen Leib erspüren:

 »…never was anything at once so frail and so indomitable. A mere reed she feels in my hand!…I could bend her with my finger and thumb… the resolute, wild, free thing … defying me, with more than courage – with a stern triumph…« 

Was seinem Bekenntnis folgt, verblasst neben dem Elend von Lowood, obgleich wir nicht umhin kommen, Jane selbst dafür verantwortlich zu machen, ihr Naivität und Weltfremdheit vorzuwerfen. Heimgesucht von Selbstzweifel und Schuldgefühlen, von Enttäuschung niedergeprügelt, droht ihr Willen unter der Belastung der gewaltigen Liebeserklärung und Selbstkasteiung Rochesters zu brechen. Es ist gewiss keine einfache Entscheidung – jeder moralisch empfindsame Mensch kennt solche Dilemmata zu Genüge. Tue ich mir Gutes oder handele ich moralisch richtig? Selten kann mit einer Tat beides befriedigt werden–in der Regel fällt das eine dem anderen zum Opfer. Und wenn irgendwie möglich, entscheiden wir uns, ähnlich wie Jane, unentschlossen zu sein – davon zu laufen. Bei manchen Lesern stößt diese Lösung auf Widerwillen, wahrscheinlich weil sie zutiefst menschlich ist.

Janes Flucht von Thornfield ist kein Zeugnis ihrer Stärke. Vielmehr spricht sie von einem verzweifelten Zugzwang eines Ratlosen – unnütz sind die Jahre des fleißigen Trotzes, der disziplinarischen Drosselung und Besonnenheit. Einsamkeit, Trostlosigkeit, Hungersnot – der Preis für ihren eigenwilligen Lebensweg – beschreibt Brontë erstaunlich wirklichkeitsgetreu. Vielleicht erst hier, nach gut 350 Seiten, gewinnt der protestantische Pappfigur-Wonder-Woman-Prototyp an Plastizität. Und die kulturelle Distanz, die zuvor die Anteilnahme an Janes Lage hinderte, verschwindet, als Bronte sich den universellen Belangen widmet – Sehnsucht, Ausgrenzung und Isolation. Der historische Kontext ist freilich lehrreich und verführt zugleich zu schulterklopfendem Eigenlob, in den 170 Jahren sozialpolitisch in causa Gleichberechtigung so weit gekommen zu sein, dass Janes kulturelles Umfeld, die Werte der viktorianischen Ära, wenn nicht als hanebüchen empfunden werden, uns doch zumindest befremden.

Seit der Aufklärung treibt die Selbstbestimmung die individuelle und soziokulturelle Dynamik in unserem Kulturkreis an. Gern auch allgemein »Freiheit« genannt. Oder »das Recht auf freie«, von äußeren Einflüssen unberührte, »Entscheidung«. Und es ist vermutlich diese fieberhafte Gier nach Selbstbestimmung, die aus Jane Eyre eine Emanzipation-Ikone machte.

Der Bestseller-Garant »Happyend« bedeutete 1847: Läuterung – Mäßigung – Konformität; anders formuliert: Plotgeplänkel – Heiraten. Charlotte Bronte scheint sich, auf den ersten Blick, den Konventionen unterworfen zu haben (sie selbst sehnte sich nach Veröffentlichung), in dem sie, wenig überraschend und allen Erwartungen nach, ihre selbstbestimmte Jane mit Eduard vermählt. Die begehrte Institution vermag die Autorin, auf den zweiten Blick, jedoch nicht zu romantisieren. Im Buch begegnet sie der Ehe mit rationaler Skepsis und kühlem Scharfsinn: Rochester windet sich vor seelischen Schmerzen, an Bertha durch die Ehe gefesselt sein zu müssen – von Happyend kann hier nicht die Rede sein. Und auch Jane zeigt sich reserviert, als ihr Vorbild Ms. Temple, zugunsten der Ehe auf den Beruf als Vorsteherin von Lowood-Internat verzichtet. Mit der Ehe, wusste Charlotte Bronte, wechselten bloß die Besitzer – vom Vater wurde die Frau an den Ehemann weitergereicht – an ihren Rechten (oder deren Defizit) änderte sich nichts. Im romantischen Bürgerturm des 19. Jahrhundert, durften Ehefrauen lächeln, nicken; die ehrgeizigeren Exemplare konnten sich beim Häkeln und Musizieren vollends verausgaben. Zur Zeiten Brontes erhitzte sich die Debatte über das weibliche Schriftstellertum – ob es sich für eine Frau ziemte, und wenn ja, worüber sie schreiben sollte; manche, sich auf die intellektuelle Dürftigkeit des Weibes berufend, fragten, von was wohl eine Frau zu berichten vermag? In Betracht dessen wirkt die noch andauernde Empörung über die Lohndiskrepanz einer Traktoristin oder Quoten-Kosmonautin als undankbare Nörgelei. Inzwischen, 170 Jahre nach Janes literarischen Geburt, scheint der Diskurs um Gleichberechtigung oder Geschlechtergleichheit obsolet. Ein wenig wahr ist es vielleicht: zumindest müssen wir nicht in den Mooren verrecken, wenn wir jemanden nicht heiraten wollen. Überhaupt müssen wir nicht verrecken, wenn wir uns entscheiden, die Rolle des Protegés nicht anzunehmen.

Und wenn sich auch die Bandbreite der Wahlmöglichkeiten jenseits des Lächeln und Nicken ausdehnte, widersteht der Wertekanon jedweder Anpassung, die Spielregeln der patriarchalischen Gesellschaft bestehen nach wie vor. Beispielsweise die Sache mit der Intuition. Dies war, noch vor ein paar Jahren ein weiblicher Vorzug. Soft Skills, Empathie, emotionale Intelligenz, etc. Hartnäckig setzt sich die Schablonisierung und Schubladisierung in männlichen aber auch weiblichen Köpfen fort, allen Forschungsbemühungen und -ergebnissen der Neuropsychologen und wie sie nicht alle heißen, zum Trotz. Rosa Püppchen und babyblaue Spielzeugautos. Ingenieure und Stewardessinnen. Päpste und Mütter Theresas….

Brontës Forderung, die eigene Integrität stets vor Augen zu haben, sein Handel danach zu richten, unbekümmert von der beliebigen Etikettierung des Zeitgeistes – ohne Ansehen des Geschlechtes – das gilt heute mehr denn je.

»…I am no bird; and no net ensnares me; I am free human being with an independent will, which I now exert to leave you.«

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Nr. 30 Rossbacher »Hillarys Blut«

Das ewig-stumme Darübernachdenken

Auf der Suche nach leiblichem Amüsement pilgern bekanntlich Männer in die Hansastraße. Doch an diesem herbstlichen Maiabend (Freitag, 17. Mai 2013) war das Vergnügen eher geistiger Art und ganz unsererseits.  

Ein kleiner Gang, herzlicher Begrüssungstumult. Man ist untröstlich – die Zeit reichte nicht für ein Mitbringsel.  Damselá trägt selbstbewusst Komplementärfarben. Damsellena kommt direkt vom Flughafen. Damselnette hat ein Anschlusstermin im Tal. Wohnzimmer, in dessen einer Ecke eine leidende Yucca Palme zum Verkümmern hingeschoben wurde. Orientalische Läufer auf dem Parkett. Auf der Glasplatte des Couchtisches liegt ein Raffaelo-Teppich. Ich stelle meine Kokosraspeltüte dazu. Rum und Rohrzucker, Spießchen und Avocadobrei. Noch Eine auf dem Balkon rauchen. 

Es folgt die obligatorische Fotodokumentation der Exemplare der Lektüre: sie alle werden wahllos zwischen den Raffaelos und sich langsam leerenden Gläsern geschoben und gerückt. Zahllose Telefone werden zum Auge geführt. Ich krieche zum Beistelltisch vor der Yucca Palme in der Ecke, worauf das Buffet arrangiert ist. Die Spießchen sind schon weg. Es ist noch Ajvar, Avokadobrei und Fantakuchen übrig. Ich mache eine mentale Notiz: „nächstes Mal – früher kommen“. Zurück auf meinem Sitzkissen–Kelim–Pouf, schieb ich die Schale mit den Salzstangen näher an mich heran, um dem Rumgebräu Einhalt zu gebieten.

 

Den amusischen Umschlag des Taschenbuches ziert ein ödes Kontrastverlagzeichen, ein Cyan Dreieck und – da ist sie wieder, im unteren linken Eck – der spitze Fächer eines Yucca-Palmenblattes. Am Horizont rast, abgehend wie eine Rakete, die „Endless Joy“ ins innere des Buches, die Titelschrift blutet – dem Raumkontinuum trotzend – auf den Beckenrand des randabfallenden Schwimmbeckens; noch ist die Schriftgröße, in der der Name der Schriftstellerin gesetzt ist, der dem Titel des Buches untergeordnet. Bei der Umschlaggestaltung deuten nur die Escheresquen Bluttropfen auf Makabares hin. 

Schon die Qualität der Titelgestaltung, die in der Entwurfsphase auf Sand gelaufen zu sein scheint und höchstens für einen dritt-klassigen Reiseveranschtalterkatalog noch taugen könnte, hätte in uns ein leises Mistrauen auf die Beschaffenheit des Inhalts hin, wecken sollen.  Doch die Erfahrung lehrte uns Vorurteilsfrei zu sein: Längere Tage umschlug ein sehr ansprechender Titel – ein trügerisches Versprechen. 

Leider fällt mir zum dahinplätschernden Aneinanderreihen von Buchstanben Frau Rossbachers kein Vergleich ein. Zwar entsteht in der Natur das atemberaubend Schöne scheinbar unbemüht, die Schöpfung hierbei ist jedoch Ergebnis einer Überprüfung und Perfektionieren – also des stetigen Lektorates wenn man so will – über Jahrmillionen. Und dieses Phänomen setzt sich leider bei Menschenwerk fort: um den Eindruck von Mühelosigkeit – also der vervollkommneten Natürlichkeit – zu erlangen, bedarf es verbissenen Fleißes.

Die Naivität mit der Frau Rossbacher ans Handwerk herantrat, zeugt entweder von ausgewachsener Dummheit oder infantiler Unkenntnis; das Kriminalromangenre zu wählen, bestätigt eindringlich ihre katastrophale Selbstüberschätzung, denn diese literarische Gattung verlangt akute Intelligenz und strategische Raffinesse, zuallererst und mindestens bei der Plotgestaltung: sie wäre besser beraten gewesen, als ihr Erstlingswerk eine auto-biografische Liebesschmonzete zu verfassen, um sich an das Schreiben etwas zu gewöhnen. 

Dem tapsigen Möchte-Gern-Krimi konnten wir nicht mal eine drollige Absurdität abgewinnen. Es schien, als krümmten sich bei Damselnette die Zehennägel, als ich abermals versuchte das Gespräch zur Lektüre zurückzuleiten. Stattdessen suchten wir Trost in Rafaellos, Vergessen in Steffsells Wohl-und-Wehe-Mochitos, diskutierten über das Unterfangen Marcel Proust anzupacken, um nur die zehn-bändige Lektüre, als möglichen Anwärter für die nächste Leserunde kleinlaut wegzudiskutieren.

In unserer aktuellen Lektüre – Das Mädchen mit den gläsernen Füssen, beschreibt der Autor den Prozess des Schreibens, wie folgt:

»Often he compared his writing to white water. He had only to leap in to be dragged away on its rapids, thrown this way and that with his own will rendered impotent. «

Mir diesen pittoresken Vergleich vorm geistigen Auge haltend,  wünschte ich mir, Frau Rossbacher wäre laut- und buchlos untergegangen. Daß der Strom ihre Haare zu blass-blonden Schnörkel verwirbelt, sie zu einem ewig-stummen Darübernachdenken zu sich – in die Tiefe – herabholt.

dudenhotline

Der Wert der Sprache

Erste Woche August, 2015
Thema der Woche der Süddeutschen Zeitung: Rechtschreibreform
Die Grafikabteilung mühte sich an einer Brachialvisualisierung ab, um den komischen Aspekt des Themas bildhaft zu machen: Sprachbläschen eines gängigen Nachrichten-Apps sollten die sinnentleerten Vorschläge der unausgereiften Autokorrekturprogramme mit Humor begegnen, wo längst die Dadakomödie der autokorrigierten Nachrichten zu einer unerträglich tragisch-grotestken Farce, über die absurde Mühsal mit einem Scheißtelefon über Worte rumdiskutieren zu müssen, mutierte.

Und mehr…

Der Kampf mit dem Autokorrekturwerkzeug nimmt Zeit in Anspruch, die es des Werkzeugs Aufgabe ist zu sparen. Und leider ist es unmöglich, die Autokorrektur zu feuern, wie eine schlechte Sekretärin – »Tut mir leid, wir müssen Sie leider gehenlassen…«.

Das zum Layout.

Unten links druckte die SZ ein überschauberes Interview mit Kathrin Kunkel-Razum ab, das von der Duden-Hotline berichtet. Das ist schön. Bisher war es uns unbekannt, dass Duden ein Callcenter hat. Wir freuen uns.

Aber was ließt man weiter: 1,99 Euro pro Minute (wahrscheinlich auch noch »angefangene Minute«).  Stellt sich sofort die Frage: Darf die Sprachpflege etwas Kosten, also Luxus sein? Und wenn ja, wie viel? Unsereiner kann sich einen knappen Gespräch über ein Wort nicht Vorstellen. Und schon ist die Telefonrechnung ins Astronomische geschnellt. Das mit acht Mitarbeitern besetzte Callcenter deutet unmisverständlich auf den verschwindend geringen Traffic hin. Und wieso auch nicht? Inzwisichen wird gewischt statt gedacht, erahnt statt verstanden, fabriziert statt formuliert.

vokuhila

Mittwoch, 18. Mai 2016

Der Sieg des Naheliegenden

Die Funktion der Sprache ist – was?– sich zu verständigen, zu kommunizieren, um mit einem Fremdwort gleich vorneweg das Sprachniveau festzulegen. Dabei ist die  Schönheit – des Wortklangs oder -Bildes (mit Wortbild wird das pittoreske, wie bei Gänseblümchen, gemeint; als Gegenbeispiel – ein sowohl im Klang als auch im Bild weniger malerisches Wort – Drahtzieher)  irrelevant.

Der Plebs schert sich ein Dreck um die Ästhetik. Unumstößlicher Beleg hierfür sind die spastischen Neuschöpfungen in der Umgangssprache – kakophone Missbildungen, widerspenstige Zecken im zarten Fleisch der Sprachkultur. Vokuhila, um nur ein Beispiel zu nennen,  ist eher ein Torture Garden als ein Picturesque.

In einem Artikel der SZ, im regionalen Teil der Pfingstausgabe (2016) über Kioske und der Provinzialität Münchens, sticht ein eben solcher Wortdorn ins Auge, der in der kulturellen Ödnis der Bundeshauptstadt gedeiht:

Späti.

Nach so einer Sprachwucherung hilft auch keine “mäandernde Wellblechwände” oder das
“Nullachtfuchzehneinerlei”. Hingerotz in einem Tetrapackweinrausch, klebt diese, diese Späti nun an der Umgangssprachbacke fest. Da hat die Bundesbahn noch mal Schwein gehabt.