Archiv der Kategorie: Gelesen und besprochen

Mittwoch, 18. Mai 2016

Der Sieg des Naheliegenden

Die Funktion der Sprache ist – was?– sich zu verständigen, zu kommunizieren, um mit einem Fremdwort gleich vorneweg das Sprachniveau festzulegen. Dabei ist die  Schönheit – des Wortklangs oder -Bildes (mit Wortbild wird das pittoreske, wie bei Gänseblümchen, gemeint; als Gegenbeispiel – ein sowohl im Klang als auch im Bild weniger malerisches Wort – Drahtzieher)  irrelevant.

Der Plebs schert sich ein Dreck um die Ästhetik. Unumstößlicher Beleg hierfür sind die spastischen Neuschöpfungen in der Umgangssprache – kakophone Missbildungen, widerspenstige Zecken im zarten Fleisch der Sprachkultur. Vokuhila, um nur ein Beispiel zu nennen,  ist eher ein Torture Garden als ein Picturesque.

In einem Artikel der SZ, im regionalen Teil der Pfingstausgabe (2016) über Kioske und der Provinzialität Münchens, sticht ein eben solcher Wortdorn ins Auge, der in der kulturellen Ödnis der Bundeshauptstadt gedeiht:

Späti.

Nach so einer Sprachwucherung hilft auch keine „mäandernde Wellblechwände“ oder das
„Nullachtfuchzehneinerlei“. Hingerotz in einem Tetrapackweinrausch, klebt diese, diese Späti nun an der Umgangssprachbacke fest. Da hat die Bundesbahn noch mal Schwein gehabt.

Servus Vernunft

Ein kleiner Auszug aus einem recht besorgniserregenden Artikel der »Zeit«, wie Studenten über dem Atlantik dem Thema Ovid begegnen.
– gefunden von Damselna

Es entsteht sofort die Frage, was tun in überwiegend katholischen Kirchen, worin an prominenter Stelle ein Gekreuzigter angebracht ist? Nichts für schwache Nerven…

ovid_zeit

Schicht um Schicht

Dieses, im Format gewaltige Bild, entstand Mitte des 17. Jahrhunderts. Als thematische Grundlage dient Diego Velázquez das Arachnemythos, die Sage über die Verwandlung der stolzen und selbstbewussten Weberin.

Wikipedia fasst die Sage etwas verknappt zusammen und behauptet, Pallas Athene geht eindeutig als Siegerin aus dem Webwettstreit hervor. Dies ist, jedoch, nicht ganz zweifelsfrei. In Ovids Epos ist die insturktive Moral eine flüchtige Substanz. Aktuelle Übersetzungen und neuere Interpretationen des Epos erwägen sowohl ein Unentschieden als auch durchaus Arachnes Überlegenheit als Webartistin. Zumindest beschreibt Ovid Arachnes Teppich mit großer Begeisterung, ja fast könnte man meinen, er bevorzugt ihr Werk gegenüber der der Göttin. Athene ist in Rage und zerfetzt Arachnes Teppich und schlägt mit ihrem Webschütze das Mädchen auf dem Kopf. Von Verzweiflung übermahnt, hängt sich Arachne an den Fetzen des zerstörten Teppichs auf. In diesem Moment, ergriffen von Mitleid/Erbarmen/Einsicht, verwandelt Athene Arachne in eine Spinne und rettet sie durch das Schrumpfen vor der Asphyxie.

Rettung oder Strafe?
Viele der Erzählungen in den Metamorphosen erwecken den Eindruck, die Verwandlungen seien eine Reduktion auf eine die den Menschen innewohnende essentielle Wahrheit , vereinfacht gesagt – eine Metapher der Haupteigenschaft, wenn man so möchte, wobei Ovid hierin sonst wenig unerschütterlich Prinzipielles als weltanschauliche Basis bietet. Viel eher sind im Epos die moralischen Grundsätze elastisch und geschmeidig. Ovids Welt ist im stetigen Wandel, darin ist nichts von verlässlicher Haltbarkeit oder behaglicher Beständigkeit.

Ob Darwin auch von Ovid inspiriert wurde?

Wie vielleicht schon Ovid, schlägt sich auch Velásquez – selbst ein Künstler – etwas umständlich, auf die Seite der Künstlerin, in dem er Tizians Raub der Europa zitiert (Wandteppich hinten im Bild). Für die hochmütige Weberin ist die Schändung der Menschen durch die Götter und die punitiven »Umschöpfungen« die die Menschen erleiden oder erfahren thematische Grundlage. Und wo Homer noch demütig die Muse um Inspiration und Unterstützung anfleht, emanzipiert Ovid die schöpferische Kraft und – wie kann es anders sein – führt den Gedanken ein, die Menschen besitzen göttliche Talente und die Götter weisen zutiefst menschliche Züge: statt anschauliche Konturen bietet Ovid ein weiteres Mal lichte Schraffuren. Und obwohl er die Urschöpfung als ein Ordnen beschreibt, fehlt den Metamorphosen fixe Strukturen – in Form und Genre changiert das Werk von Epos zu Märchen, von Schöpfungsgeschichte zu gesellschaftskritischen Meditationen.

Vielleicht faszinieren die Metamorphosen aufgrund ihrer Wandelbarkeit und Reichtum an Deutungen die Leser und, dass sie seit 2000  Jahren das akkurat Definierbare auszuweichen vermögen? Sicher und sichtbar bleibt, dass die Kunst während der zwei Millenia das Versteckspiel dankbar zu instrumentalisieren wusste.

Bild: Diego Velázquez 

Bücher 2015

Pflichtlektüren

M. Dostojewskij: Weiße Nächte
Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels

Juli Zeh: Corpus Delicti – ein Prozess
Yasoushi Inoue: Tod des Teemeisters

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur
Dreyfuss: All things shining
Klein: Da Vincis Vermächtnis

Dazwischen

E.M. Forster: Howard’s End (zum 2. Mal)
Critical Essays on Dostoewsky
Iwan Turgenjew: Aufzeichnungen eines Jägers
J. J. Scarisbrick: Henry VIII (nach 5 Jahren fertig)
Chris Clark: Sleepwalkers
Yuval Noah Harari: Sapiens: A Brief History of Humankind

…noch auf dem Nachttisch

Iwan Turgenjew: The diary of a superflous man

Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien
Adam Tooze: The Deluge: The Great War and the Remaking of Global Order 1916-1931
Jenny Strauss Clay: The Wrath of Athena: Gods and Men in The Odyssey (Greek Studies: Interdisciplinary Approaches)
Robert Harris: Dictator (Cicero Trilogy)
Philip Hardie: The Cambridge Companion to Ovid (Cambridge Companions to Literature)

Bild © Art of Narrative 

Drama oder Vaudeville?

Um den Mythos von Perseus und Andromeda besser zu verstehen, ist es hilfreich die Lebensgeschichte Perseus‘ ein wenig zu beleuchten.

Gezeugt wird er von Jupiter, der – verwandelt in einen güldenen Guss – Danae schwängert, die von ihrem Vater bereits in einen Kerker eingesperrt wurde, um just diesen Ereignis zu verhindern. Das kümmert  Jupier wenig. Die Prophezeihung tritt ein und geboren wird Perseus, der dann, samt Mutter, in einer Kiste aufs Meer hinausgeschickt wird, ihrem vermeintlichen Tod entgegen. Jupiter weiss auch dieses Vorhaben Akrisios‘ mit Hilfe Poseidons zu vereiteln und lässt beide überleben, worauf hin die Kiste mit Danae und Perseus an den Stand des Insels Seriphos gespült wird. Der König des Insels Polydektes wirft ein Auge auf Danae, die inzwischen mit ihrem Sohn im königlichen Palast aufgenommen wurde. Perseus und der Bruder des Königs bemühen sich Danae vor den unkeuschen Absichten des Königs zu schützen. Das missfällt Polydektes, sodass der einzige Weg sich der Beiden zu entledigen ist den Bruder zu verbannen und vom Perseus den Haupt Medusas als Geschenk zu verlagen. So beginnen die Abenteuer des Perseus.

Um die Zeit der Bildentstehung, ca. 1576, umwütet Venedig, wie auch die übrigen Teile von Europa und England, erneut die Pest. Eine Quelle berichtet, dass bis Mitte der 70ger Jahre, in Venedig bis zu 70,000 Menschen der Epidemie erlagen, unter anderem auch Tizian, den Veronese – zu recht – sehr verehrte. Die Stimmung drückt auf Veroneses Laune, sodass sein zuvor farbenprächtiger Malstil, der die Opulenz Venezianischer High Society in aller Herrlichkeit und Prunk dokumentiert, sich nun durch eine düstere Farbpalette und bedrückende Bildaufbau kennzeichnet. Ob als Andacht an Tizian oder durch sein Gemälde »inspiriert«, wählt Veronese in diesen Jahren das Mythos von Perseus und Andromeda als Sujet für ein Bild. Um sich von seinem Idol zu unterscheiden, spiegelt er die Bildkomposition Tizians, »entlehnt« jedoch die Wahl der Szene aus dem Mythos der Vorlage des vom Beuelenpest dahingerafften Meisters. Klugerweise. Denn Ovid Perseus nicht ganz eindeutig als Helden charakterisiert. So, zum Beispiel, schreibt Ovid: von Andromedas Schönheit entzückt, vergisst der Held kurzer Hand mit den Flügel seiner Sandalen zu schlagen, sodass aus seinem heroisch-eleganten Auftritt eine Slapsticknummer zu werden droht. Der Leser kann sich die stümpferhafte Landung vor der an den Felsen geketteten Andromeda (womöglich hat sie Perseus erspäht und schmachtet nach ihrer Rettung) lebhaft vorstellen – der ganzen Szene kann man eine gewisse Komik abgewinnen. Sich allmählich vom sinnlichen Rausch erholend, sicher und apart landend (schließlich wird ihm die Beweglichkeit attributiert), fängt Perseus Andromeda Löcher in den Bauch zu Fragen. Ebenfalls ein Bild für Götter: da steht die nackte, hilflos an den Felsen gekettete, und ihm fällt nichts anderes ein, als sich von ihrer Erscheinung entzücken zu lassen und sie auszufragen, anstatt vielleicht ihre Nachkheit mit seinem Umhang zu bedecken. Nein. Irgendwann kommt sie zu sich und erzählt von der Arroganz ihrer Mutter, die ihr ihre Schicksal bescherte: Um den empörten Poseidon zu besänftigen, musste die Mutter ihre Tochter dem Seeungeheuer opfern, sonst drohe Äthiopen den Untergang durch den Flut.

Während der wehmütigen Erläuterung ihrer Lage, taucht der angekündigte Seeungeheuer auf und steuert, zunächst „wie ein Schiff“ auf den Felsen zu. Überhaupt nimmt Ovid es nicht so streng mit der Kontinuität der Vergleiche – mixed metaphors (or similes in this case) – egal. Wie ein Schiff oder auch Schleudergeschoß – Hauptsache dem Leser wird verständlich und bildhaft eingebläut, der Monster rast in schwindelerregendem Tempo auf seine Beute zu. Auftritt Perseus: mit grösster Theatralik schwingt Perseus sich in die Lüfte, holt aus und versenkt sein Krummsebel in das Tier. Die bereits am Schauplatz des heroischen Kampfes angekommenen Eltern Andromedas sind schwer begeistert und als Dank, Äthiopien vom Untergang gerettet zu haben, ihre Tocher an Perseus übergeben.

Weshalb, fragt man sich, musste er aber so eine Show veranstalten? Wäre es nicht wesentlich einfacher, er hole den Kopf Medusas heraus und versteinert den Monster? Wieder entsteht der Eindruck, auch diese Zeilen schrieb Ovid süffisant grinsend. Kurz über das von Ovid Dargebotene nachsinnend, entsteht auch hier der Eindruck einer Inszenierung.

Später, nach der Rückkehr in Seriphos, werden seine Heldentaten hie und da in Frage gestellt. Sein höchst unsouveräner Umgang mit Skepsis seine Tapferkeit betreffend provoziert den Verdacht, Perseus leide an einem Minderwertigekeitskomplex. Denn jeder, der seine heroische Tapferkeit bezweifelt muss des Medusahauptes ansichtig werden und versteinern.

Diana und Actaeón

Diana und Actaeon

Actaeón ist noch am Leben in dieser Variante von Pietro Liberi, gemalt um 1660, jedoch bereits in ein Hirsch verwandelt (ganz rechts im Anschnitt).  Ein Gefühl eleganter Hektik ist spürbar durch die besorgten Gesichter der Nymphen und die Gesten des Entsetzens – etwas unbeholfen beeilen sie sich, die Nackheit der keuschen Göttin zu verhüllen.

Die einzigen hell erleuchteten, im Bild Vordergrund positionierten Figuren, die durch die nervöse Aufregung in einander verschraubt zu sein scheinen, wecken den Eindruck, als wären die Beiden eigentlich nur Diana, die  – wie in einer Bewegungsabfolge – zunächst saß, dem Betrachter und dem Teich zugewand,  und sich wusch. Dann, nach dem Hereinplatzen des Jägers, aufstand und – schamhaft – sich dem Betrachter abwand und nicht so schamhaft sich dem Jäger frontal stellte). Die mit dem Rücken zum Betrachter stehende Diana schaut über die Schulter (vom Jäger abgewandt, die Hand womöglich vors Gesicht haltend) und ihr Gesichtsausdruck scheint uns mitzuteilen: Tja. Sie ist nicht verängert, lediglich etwas missvergnügt.

Was ist aber mit dem Aufpasswauwau? Seine Pfoten ruhen schützend am Schenkel einer Nymphe und er schaut den Betrachter so angestrengt-bissig an, wie er nur kann (man hört fast das Knurren), sein Partner widmet sich ganz dem Hirschen. Hat er den Jäger nicht gewittert und sein Herannahen durch vehementes Kläffen nicht verkündet? Hat Liberi sagen wollen: die Götter spielen nur mit uns und die ganze Überraschung nur inszeniert war? Im Buch »The Wrath of Athena« spricht Jenny Strauss Clay über eidenai die göttliche Sehfähigkeit, die den Sterblichen weit überlegen ist. Sie schreibt »… When dealing with mortals, the gods generally disguise themselves or choose to remain inviisible. Men may not recongnize a divinty unless the latter is willing.«, und zitiert eine Stelle in der Illias, als Athena Diomedes belehrt: „I have taken from your eyes the mist which before was upon them, so that you may well recognize god and man.“ So weit Homer. Vielerorts erscheint Athena dem Odysseus, weil sie es will. Mancherorts ist dieser Willen für den Menschen sichtbar zu sein sehr deutlich klargemacht, denn, im Fall von Athena und ihrem Schützling Odysseus, zeigt sie sich nur ihm, die anderen können sie nicht  wahrnehmen.

Bereits in Corregios Interpretation von Ios Verführung durch Jupiter hat man sich gefragt, weshalb sie sich der Bekleidung entledigte und sich den Berührungen Jupiters entzückt hingab? Hat sie ihn etwa erwartet und gar nicht mit Gewalt verführt wurde? Ganz und gar bewusst, wie vielleicht auch hier Diana?

Das Bild, wie auch bei Corregio, ist akut voyeuristisch. Wir betrachten die Szene, als säßen wir versteckt hinter einem Busch oder einem Stein am Teichufer. Der Hund, also, hat uns bereits bemerkt und vielleicht, ereilt uns die gleiche Schicksal wie die des Actaeóns?

Bild: Pietro Liberi, 1660

Juno rächt sich

Immernoch die Geschichte von Ios Verführung durch Jupiter.
Im weiteren Verlauf der Ereignisse, entwickelt sich, wie ich meine, ein Kalter Krieg zwischen Zeus und Hera (Jupiter und Juno), die leidenden sind Io, ihr Vater und natürlich Argus, der dran glauben musste.
Die tragische Szene des Endes Argus‘ stellt hier Peter Paul Rubens sehr morbide dar. (Juno hält einige seine Augen noch in der Hand, während ihre Begleitung ihm aus dem abgetrennten Kopf in ihrem Schoß, die Augen heraupult, als wären sie Perlen oder Edelsteine. Sein kopfloser Körper scheint in Agonie noch zu winden. Alles sehr makaber…Obwohl, nicht ohne Erotik, auch durch die interessant platzierte Hand Junos, die die entblösste Brust des Mädchens zu streicheln oder sie zu wiegen scheint.

Nr. 47 Herrndorf »Arbeit und Struktur«

It was a hot and stormy night, am Freitag des 17. Juli.

Die Türklingel, noch ein fremdes Geräusch, ertönt (gefühlte) alle fünf Minuten im Zeitraum von sieben bis halb neun Uhr abends. Beim letzten Klingeln ist die 1. Stufe der Konditionierung abgeschlossen – Klingelton löst ein Bewegungsreflex in Richtung Eingangstür aus. Konditionierungsstufe II: Differenzierung zwischen Haustürklingelton und Wohnungstürklingelton.

Stilsicher bringen Gäste Wohnungseinweihungsgeschenke: Becherchen mit Samen der Pfefferminze für Balkonbegrünung, Bücher, die vom Teeweg erzählen (Großes Kino), Brotmesser (Evasel fackelt nicht lange rum mit Leihbrotmesser – „Hier haste nun ein Eigenes.“), Biene-Maja-Bleistift mit Radiergummi zum draufschrauben – kann man immer gut gebrauchen – man findet nie die Scheißradiergummi (überhaupt überreicht Susasel ihre ganze Beute aus der Kindergartensommerfest-Tombola „Ich hatte heute Glück im Spiel.“), Röster der Marke Siemens, mit dezent grauem Kunststoffgehäuse (Dauerleihgabe), Knisterbadesalz (s. o. unter „Tombola“)…Geschenke, Geschenke – da war was.

Nach jedem Klingeln, Führung durch die Wohnung, insgesamt fünf davon. „Hier das Bad – viel zu groß, braucht kein Mensch.“ „Ja, das Geschirr wird im Badezimmerbecken abgespült.“ „Kenn’ ich. Hatte ich auch, als ich auf die Küche wartete. Total doof.“ „Deshalb die Pappteller.“ „Klar.“ „Gläser könnt ihr aber schon benutzen, sonst fühlt sich das an, wie am Campingplatz in Bibione.“ Bei den Temperaturen, eher Eilat.

Alle unterschreiben die Geburtstagskarte/Gutschein für Damsel Pé. Wir schenken Dir, liebe Pé, einen Theaterbesuch mit uns im Schlepptau. Marstall. Flaubert. Madame Bovary. Termin noch offen.

Als wir vollzählig sind, muss zunächst in die Wirtschaft gegenüber, wo uns der freundlich-unkomplizierter, bestens gelaunter griechischer Wirt Stühle ausleiht (Klar, bei diesen Temperaturen fühlt er sich wie zuhause – mutmaßlich Thessaloniki, dem Kneipenschild nach zu urteilen. Wenn ich eine ukrainische Kneipe eröffnen würde, wäre „Bukowina“ mein eindeutiger Favorit für den Imbiss Namen, auch wenn niemandem das was sagen würde. Irgendetwas mit Wodka geht nicht, ist ein russisches Wort. Donbas wäre inzwischen geografisch einwandfrei, politisch jedoch nur schwer verortbar. Höchstens noch Borschtsch, weil Dnipro durch Belarus bis zum fernen Russland fließt, Borschtsch hingegen, oder das was man im Westen sich darunter vorstellt, ist unmissverständlich ukrainischen Ursprungs; ein kurzer Abstecher in die Borschtschhistorie auf der russischen Wikipediaseite: sie können sich winden, wie sie wollen, etymologisch haut es einfach nicht hin, da – laut wikipedia.ru – „Beete“ auf russisch, vom griechischen „seukla“ abgeleitet, „svekla“ heißt – klingt ganz nach Borschtsch, nicht; im Ukrainischen ist das Wort für Rote Beete „burjak“ – no brainer. Die Liste der Ursprungsländer fängt zumindest mit Ukraine an, dicht gefolgt von Belarus und Russland, dann Lettland, Polen ganz zum Schluss: das russisch-polnische Verhältnis – schon immer angestrengt und unversöhnlich – man gönnt einander rein gar nichts.). Im Gänsemarsch („Jeder bitte nur ein Stuhl“) trippeln wir zurück. Trotz Stargaststatus ist der Stargast vom Stuhlschleppen nicht verschont: Susasel und er gehen voraus, während wir noch mit dem Wirt schwatzen und die Leihgabe protokolieren. Dann erst mal 6 Stühle und 7 Personen in den 13-Personen-Aufzug stapeln – Tetris, für die, die das Spiel noch kennen und sich daran erinnern. Dabei die Frage: Wie passen 13 Personen da rein? – ein Bild kommt auf: Wange gegen die fremde Achselhöhe gequetscht – da nehme ich lieber die Treppe – auch in den siebten, aber ohne Stuhl – die urige Massivholzvariante ist bei der Hitze eher unhandlicher Granitblock, mit jedem Schritt an Gewicht zunehmend – Dagsella trippelt barfuß durch die asphaltierte Ramersdorf-mit-einem-Hauch-Haidhausen-Anlage – neue Schuhe blieben in der Wohnung. Vehemente Beteuerung auf mein mütterliches Geheiß hin „Hier Birkenstocks, blasenfreundlich, die gleichen, die du auch hast, ja fast die Deinen, schau die vertraute Tarnoptik. Sie waren schon in Thailand, energetisch also safe.“ Danke, nein.

Stühle auf dem Balkon um Jean herum: Zitronenkuchen (Zitrone oben drauf, statt drin), Gurken- und Karottensalat, Taboulé („beim schnippeln die Zeit aus den Augen verloren“), scharfe türkische Ziegenkäseschmiere (Damsel Pé weist mich darauf hin, dass da Chilistückchen drin sind: äh, Ja!), Tzatziki in rauen Mengen, Baguette (gezupft und nicht geschnitten), Ciabatta, Traubensaft, Kräcker und gekühlte Honigmelone. Pappteller fliegen samt Inhalt uns um die Ohren – Riedelgläser wackeln bedrohlich im Wind (gewichtlos da mundgeblasen). Das Vorhaben, die stürmisch böige Dämmerung mit Grablichtern gemütlich auszuleuchten, scheitert.

Bei der Recherche der Herrndorfschen Musikvorlieben entdecke ich Anne Boleyns Requiem – the extremely accomplished lady vertrieb ihre Zeit im Tower of London – ihre Hinrichtung antizipierend – mit Komponieren. Dem Liedcharakter nach zu urteilen, befand sich die Königin von England, zweite Frau Heinrich des VIII (je nach Konfession: für Protestanten, 1. Frau Heinrichs, für Katholiken, Konkubine), Mutter der zukünftigen Königin von England Elisabeth I, Schwester von Heinrichs Mätresse und folglich Tante der vermeintlichen Bastarde und Märtyrerin, irgendwo zwischen der 4. und 5. Phase des Kübler-Ross’schen Models. Mit „O death, rock me asleep“ eröffne ich die Diskussion – Musik ist herrlich abstrakt und rührend – in der Renaissance ohnehin betörend in Dur mündend. Beim Aufräumen am Nachmittag, (36 Grad im Schatten) hörte ich „Das Wohltemperierte Klavier“. Über die ärgsten Phasen der epilepsiebedingten akuten Geräuschverzerrung berichtete Herrndorf, dass nur „Bach geht immer“ – wahrscheinlich weil rein rational, wie schöne Analytische Geometrie.

„14.7. 2012 23:22

Musik höre ich ja epilepsiebedingt schon lange nicht mehr, Musik fast immer falsch, fast jede Musik falsch. Richtig nur: Bach. Bach geht immer. Ging immer, war immer richtig. Hirnrichtige Strukturen, ahnte man ja schon lange. Auf Youtube über Gould kommend jetzt BRAHMS Piano Concerto no.1 in D minor. Geht auch.“

Nachtrag
Von Gould gespielten Bach ist sublimierter Bach, die Zusammenfügung ist eine wundersame schöpferische Synthese  – Wahn und Vernunft.

Vernunft und Mitgefühl.
Im Laufe des regen Sich-Mitteilens entwickeln sich ein Vernunft- und ein Verständnis-Lager. Ich, die kritische Verstand gesteuerte Flanke, die anderen, voller Verständnis und Anteilnahme. Während ich scheinbar unbarmherzig den Blogger (jemand, der an einem Blog schreibt) und sein Blog zerpflücke, gnadenlos die Absenz vom künstlerischen Funken, Katharsisgedöns, anprangere, plädiert der Rest für die sympathische Einmaligkeit der authentisch-rohen Allürenlosigkeit, die ein verzerrungsfreien Einblick in die Bewusstwerdung der eigenen Endlichkeit gewährt. Ich bin kurz vorm Ausrasten: sollte nicht gerade ein Autor – Anatom der Psyche – sich der naiven, irrig-tröstenden Scheuklappen der Verdrängung mit der Berufung zur Schriftstellerei entledigt haben?

Die Böen zerren weiterhin an sommerlichen Ein-Hauch-von-Nichts-Kleidungsstückchen, Plastikbecher sind zu Windlichtern umfunktioniert, mit mittelmäßigem Erfolg, wir diskutieren nun auch über Euthanasie, die Selbstbestimmung usw. Da sind wir alle gleichgesinnt: das würdelose Dahinsiechen, das den-Nahestehenden-auf-den-Sack-gehen, das ist nicht so gut. Verständlich ist jedoch, dass, kulturell bedingt, am selbstbestimmten Lebensende noch das Etikett des Selbstmords anbabbt, somit – ab in die Hölle, mit unserem Wertesystem schwer zu vereinbaren. Der Stargast erklärt, es käme davon, da immer noch die Meinung weitverbreitet sei, der Herr schenke uns das Leben, der bestimme auch dessen Dauer. Ich denke und meine, Herrndorf erwähnte es irgendwo ebenfalls, die Entscheidung einem Glauben anzugehören ist auch eine bewusste Entscheidung, ein klein Stück seines freien Willens einzubüßen oder für Antworten, Eindeutigkeit, das Gefühl der Sicherheit und Schutz einzutauschen: eine Religion oder Dogma befreit vom lästigen Selber-Denken, von Verschwommenheit und dem alles verschlingenden Chaos – ein schmuckes Gedankenhäusle hat ja jemand schon zusammengezimmert – durch die Tür, die linke Reihe, jeder nur ein Kreuz.

Nach Damsel Pés Geschenkgutscheinkartenübergabe entsteht ein Missverständnis: meine Behauptung, Damselnette lehne das gemeinsame Lesen von Madame Bovary ab, sei falsch. Ja nein, ja nein usw. Damselnette ist verwirrt, ich grübele nach und stelle fest, nein, ich irre, es war Anna Karenina. Es folgt eine Erzählung von den Sommerferien mit 17 oder 18 Jahren. Meer-und-Strandaufenthalt mit der besten Freundin, in Dauer-Tolstoi-Verzückung – sie lesen sich das Buch gegenseitig am Strand laut vor: Bonjour Tristesse.

Stellenweise muss ich mich vollends auf das Balancieren des beladenen Papptellers auf meinem Schoß konzentrieren. Susasel kommentiert Herrndorfs extreme Emotionalität und Empfindsamkeit – ich horche begeistert hin während mein Essen gemächlich vom Teller auf das weiße Schahrasadgewand gleitet. Die coole abgeklärte Diegese des nahenden Lebensendes strotzt von klassischen Paradoxien: Ja, Herrndorf war ein höchst emotionaler Mensch, er erfuhr die Umwelt mit der Breitseite der Gefühle – dieses Erkenntnis oder den Eindruck entsteht TROTZ seiner Bemühung nüchtern oder als pfiffiges Arschloch zu erscheinen; ein Atheist, der auch jede andere Form von Esoterik energisch missbilligt, äußert den Wunsch, seine letzte Ruhestätte mit einem christlichen Symbol zu kennzeichnen, beispielsweise (auch hier, die auffällige kokette selbst-abwertende Bescheidenheit):

„19.7. 2013 8:12
Am liebsten das Grab in dem kleinen Friedhof im Grunewald, wo auch Nico liegt. Und, wenn es nicht vermessen ist, vielleicht ein ganz kleines aus zwei T-Schienen stümperhaft zusammengeschweißtes Metallkreuz mit Blick aufs Wasser, dort, wo ich starb.

Wir können nicht wissen, wie er vor der Diagnose war, folglich, wie und ob sie ihn veränderte – das erschwert das Beurteilen, was das Kenntnis über das unmittelbaren Ende mit einem anstellt. Klar, seine Freunde, für die, die Chronik zunächst gedacht war, sind in dieser Hinsicht uns gegenüber im Vorteil.

Es ist, trotz allem, eins des besseren Nabelschaujournals, das Dank des imminenten Endes überschaubar bleibt, im Gegensatz zu, beispielweise, den unerträglichen Anaïs-Annalen, die sich fast ins Bhagavad Gita-esque ausdehnen.

Sein Schreibstil, seine Erscheinung, das eindringlich Menschliche – unwiderstehlich liebenswert.

(Auszüge aus dem Blog Arbeit und Struktur)