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Schicksal

Was? Ein Essay zum Thema Schicksal von mir? Warten wir’s ab!

Die nachfolgenden Überlegungen basieren auf einem Comic von Zach Weinersmith auf der Webseite Saturday Morning Breakfast Cereal [1], welches ich mit dem Begriff Schicksal in Verbindung gebracht habe. Vor der Verschriftlichung habe ich diese Überlegungen in privaten Diskussionen entwickelt.

Der Schicksalsbegriff ist gemäß Wikipedia [2] unterschiedlich belegt und reicht von einer (göttlichen) a-priori-Festlegung des menschlichen Werdegangs bis zur Vorstellung, dass der Mensch seine Zukunft selbst in der Hand habe.

Im Comic von Weinersmith wird postuliert, dass sich einem Menschen zu jedem Zeitpunkt unendlich viele Möglichkeiten eröffnen. Er vergleicht das Leben mit einem Weg, den man geht, und auf dem man mit jedem Schritt eine von unendlichen vielen Weggabelungen wählt. Das Verfließen der Zeit bestimmt die Geschwindigkeit der Wanderung, deren Richtung – nach vorne – man nicht beeinflussen kann [3].

Hierbei darf man nicht dem landläufigen Irrtum aufsitzen, dass unendlich viele Möglichkeiten mit allen Möglichkeiten gleichzusetzen seien [4]. Aufgrund einer früheren Entscheidung, einem Abzweig den Vorzug zu geben, sind unendlich viele Möglichkeiten weggefallen, die sich hinter den anderen Abzweigungen befanden. Während ein Vierjähriger noch ggf. die Wahl hat, Lokomotivführer oder Astronaut zu werden, hat der 50jährige Lokomotivführer nicht mehr die Möglichkeit, Astronaut zu werden. Wer einmal den Weg von Frankfurt nach Berlin eingeschlagen hat, wird nicht mehr nach Paris reisen.

Unter Schicksal verstehe ich die Einschränkung der persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten in der Zukunft durch Entscheidungen in der Vergangenheit. Auf der Wanderung bestimmen die bereits genommenen Abzweigungen die noch möglichen Ziele, da auf dem Pfad eine Reise zurück nicht möglich ist.

Diese Definition ist wertneutral.

Ob das Schicksal günstig oder ungünstig ist, hängt dabei dann wesentlich davon ab, ob man in der Vergangenheit aus persönlicher Sicht rückbeschauend richtig oder falsch abgebogen ist. Ich will hier jedoch keinesfalls einer fatalistischen Einstellung das Wort reden: auch in einer insgesamt eher ungünstigen Lage gibt es zumeist in den unendlich vielen Möglichkeiten immer auch Pfade zu einem positiven Ziel im eigenen Wertesystem. Wer in der Jugend einen Weg gewählt hat, der ihn unglücklich gemacht hat, hat ein weniger günstiges Schicksal, aber kommendes Glück ist ihm dadurch nicht verwehrt, wenn er künftig die richtigen Abzweigungen wählt.

Man mag nun vollkommen zu Recht einwenden, dass man ja nicht alle, noch nicht einmal die meisten Entscheidungen bewusst oder selbst trifft. Im Laufe der Zeit ergeben sich die Wege oft zufällig oder man wird wider Willen in eine Abzweigung geschubst. Gerade diese Betrachtung unterstützt aber den gewählten Schicksalsbegriff nur, da sie den Aspekt der Willkür und den beschränkten eigenen Einfluss auf den eigenen Werdegang untermauert. In wie weit also das eigene Schicksal unveränderlich ist oder sich durch einen selbst beeinflussen lässt, ist somit eine Frage der Wahlmöglichkeiten bzw. der Anstrengungen, die man in die Auswahl der Pfade setzt. Häufig lässt sich das erst beim Blick in den Rückspiegel beurteilen. „Ach hätte ich nur….!“

Beginnt das Schicksal mit der Geburt? Nein! Jeder von uns ist der gegenwärtige Endpunkt einer seit Jahrmilliarden andauernden Entwicklung. Unser Schicksal ist bestimmt durch das unserer Eltern, deren Pfad wir weiter beschreiten. Und durch die Pfade unserer Großeltern und aller unserer Vorfahren. Wir sind Menschen nur, weil sich das Leben auf der Erde seit Entstehung der ersten DNS auf einem bestimmten Pfad entwickelt hat, weil das Universum seit dem Anbeginn eine Entwicklung genommen hat.

Begreift man Schicksal rückwärtsgerichtet als die Einschränkung der Zukunft durch vergangene Ereignisse, ist es für das eigene Handeln lediglich in soweit relevant, als dass es die unveränderlichen Rahmenbedingungen festlegt, innerhalb derer der Mensch die Freiheit hat, aus unendlich vielen Möglichkeiten zu wählen und die Chancen zu nutzen, den Weg in seine bestmögliche Zukunft zu wählen.


[1] https://www.smbc-comics.com/comic/potential-2

[2] https://de.m.wikipedia.org/wiki/Schicksal

[3] Als Freund der Many-Worlds-Interpretation der Quantenmechanik ist mir diese Betrachtung besonders sympathisch, siehe z.B. https://plato.stanford.edu/entries/qm-manyworlds/

[4] Die Geschichte von Hilberts Hotel hilft zu verstehen, dass eine echte Teilmenge einer unendlichen Menge unendlich groß sein kann. Von den zahlreichen Nacherzählungen im WWW scheint mir diese am bekömmlichsten: https://www.sapereaudepls.de/sonstiges/unendlichkeit/hilberts-hotel/