Archiv für den Tag: 3. Oktober 2026

lea ypi – frei, teil 2

Weder »Zeit« noch »Liebe« müssen gewöhnlich erklärt werden – ebenso wenig wie »Freiheit«, von der jeder meint zu wissen, was sie ist; dennoch ringen Denker seit jeher um eine verbindliche Begriffsbestimmung, deren Ergebnis stets provisorisch bleibt. Jeder Versuch einer universell gültigen Definition bleibt notwendigerweise unbestimmt; je klarer oder enger das Konzept gefasst wird, desto unabdingbarer wird der jeweilige Rahmen – ob politisch, gesellschaftlich oder geistig.

Die bürgerlich-rechtliche Freiheit (Liberty), so schlägt es die Encyclopaedia Britannica vor, ist die Abwesenheit willkürlicher Einschränkungen und die Gewährleistung einer Reihe von Rechten, wie sie beispielsweise in Grundrechtekatalogen, Gesetzen und Gerichtsentscheidungen verankert sind. Ein anderer Zugang versteht Freiheit – grobumfassend – als die Möglichkeit, zwischen mehreren zur Verfügung stehenden Optionen zu wählen oder Entscheidungen zu treffen. Diesem Verständnis liegt – redundanterweise – der »freie Wille« zugrunde, ein Konzept, dessen Existenz ebenso umstritten wie beliebig formbar ist. Im anfänglichen Diskurs über diese diffuse Idee unterscheidet man zwischen „negativer“ – Abwesenheit von Zwang – und „positiver“ Freiheit, worunter die Fähigkeit zur Selbstbestimmung fällt.

Ypi nannte ihr Buch »Frei«. Frei verklingt nicht im leeren Raum; Zwang, Nötigung und Beschränkung hallen in der Chronologie des Erlebten stets nach – sie bedingen und durchdringen einander. Freiheit wird als Sehnsucht erlebbar – das strukturelle Verlangen nach dem Noch-nicht-Erreichten und dem Nicht-Erreichbaren. Die jugendliche Hoffnung kühlt ab zu klammer Sehnsucht. Von der einstigen Zuversicht bleibt ein zehrender Schmerz des Verlangens zurück, der treibt und antreibt.

Foucault formuliert es so: »…das von uns empfundene Gefühl der Freiheit ist oft größer in der Fremde als in unserem eigenen Land. Als Fremde können wir all die impliziten Verpflichtungen verschmähen, die nicht ins Gesetz, aber in den allgemeinen Verhaltensmodus eingetragen sind.«

In der Fremde, als Fremde – unerkannt und angreifbar frei. Ist Identität die Schranke, Zugehörigkeit das zuklappende Schloss?