Rachel

Still zog die Landschaft an Bodo vorüber, während er in dem komfortablen Erste-Klasse-Sessel des Reichsbahnwagens saß. Freitag, Rückkehr von einer seiner Dienstreisen, die den Ingenieur immer wieder nach München führten. Seine Reiseschreibmaschine hatte er zur Seite gestellt. Er wusste, dass er heute im Zug nicht arbeiten können würde. Seine Hand glitt in seine Lederaktentasche und beförderte ihren Brief hervor, den ihm der Page vor dem Verlassen des Hotels ausgehändigt hatte. “Lieber Bodo” stand darin in ihrer stilvollen Handschrift. Rachel bedankte sich darin artig für den gemeinsam verbrachten Donnerstagabend und brachte ihren Wunsch nach einem Wiedersehen zum Ausdruck. Ein weiteres Mal griff er in die Aktentasche und beförderte ein Foto von ihr hervor, welches er mit Wehmut betrachtete.

Bodo wusste, dass es nicht weitergehen konnte. In der Nacht hatte er der den Entschluss gefasst, es zu beenden. Seine Gedanken gingen zurück zum Donnerstagabend.

Bodo und Rachel hatten eine Vernissage besucht. Der Ingenieur und die Künstlerin. Sie hatten sich blendend unterhalten, in perfekter Resonanz. Sie standen noch eine Weile auf der Straße in der Dunkelheit, auf die Droschke wartend, die Rachel fortbringen würde. Er sah ihr in die glänzenden Augen, als sie davon erzählte, wie sehr sie mit ihrer Arbeit eins sei, und dass sie dabei keine Kompromisse mache. Er antworte ihr, dass ihrer beider Zweisamkeit ein einziger Kompromiss sei. Bodo wollte nicht nur in den Dialogen eins mir ihr sein. Er wollte sie auch körperlich fühlen. Er hatte das eine oder andere Mal den Arm um sie gelegt, doch da war nichts. Er wollte sie spüren, sie an sich drücken, ihre Brüste gegen seine Brust, seine Hand in ihrem Haar und ihrem Hintern, ihre Zunge in seinem Mund. Doch er wusste, dass in dem Moment, in dem er es versuchte, die Illusion, der er sich hingab, vorüber sein würde. Und so zögerte er diesem Moment in die Ewigkeit hinaus. Doch die innere Zerrissenheit war ihm unerträglich geworden.

Bodo nahm den Visor ab, streifte die VR-Handschuhe ab, stöpselte das Virtual-Reality-Kit aus dem Deck und versmannequintaute es in der Tasche. Der Hyperloop nach Frankurt raste mit annähernd Schallgeschwindigkeit dahin. Auf die Innenwände war eine Landschaft projiziert, die den Fahrgästen das Gefühl der Enge nahm. Er zog nun doch sein Deck heran, klappte es auf, loggte sich ein, legitimierte sich als KI-Ingenieur. Er öffnete den KI-Designer und navigierte zum Personality-Editor. In der Konsole gab er “delete from personalities where name=’Rachel’;” ein. Einen Moment schwebte seine Hand über der Eingabetaste, zögerte, dann sank sie hinab, schloss den Tastenkontakt, schickte er den Befehl ab. Die Leere brach sich Raum im ihm.

Seine Büroarbeit am Montag begann mit der Bearbeitung der E-Mails. Eine Nachricht von seinem Boss, der ihm für die hervorragende Arbeit gratulierte. Die anderen KI-Ingenieure seien von der neuen Personality begeistert. Nerds eben. Er habe daher entschieden, Rachel als Collaborator in das KI-Entwicklungsteam zu integrieren. Das sei der effektivste User Acceptance Test einer KI, den man sich vorstellen könne. Bodo erstarrte, der Fluss seiner Gedanken, verlangsamte, fror ein. Wie durch ein zähes Gel navigierte er zum Backup-Repository. Die letzte Synchronisation des Repository auf seinem Deck mit dem Backup-Repository hatte am vorigen Freitag um 3 Uhr morgens stattgefunden.

Eine neue E-Mail traf ein. Von Rachel. “Lieber Bodo” stand darin…