Schlagwort-Archiv: Jane Eyre

Der Wahnsinnsroman

Mit welchen Themen setzt sich der akribisch recherchierte, in seinem Umfang bescheidene Roman »Die Wahnsinnige« von Alexa Henning von Lange auseinander?

Wir fünf Damsels waren uns am Freitag, dem 30. Januar 2026, weder sicher noch einig, was nicht zuletzt an der mangelnden Disziplin der Autorin lag, die ebenso unsicher und unentschlossen war. Vermutlich zwang diese thematische Ungewissheit v. Lange ein Epilogue anzufügen. Der lästige Weggefährte »Worüber?« ließ sich auch mit Hilfe des Epilogs nicht abschütteln. Eine persistente Plage, die an »Endlich Stille« denken ließ.

Daher blieb uns nur die Spekulation. Hier ein Auszug:

–          Patriarchale Konstrukte und Frauenunterdrückung im 16. Jahrhundert im engen Kontext der Ehe und Familie oder im gesellschaftlichen Kontext der Monarchie (der Zwang starrer, monarchischer Regeln und Strukturen), Spanien, Europa am Vorabend der Reformation.
–          Kümmerliche bis dysfunktionale Mutter-Tochter-Beziehung
–          Das Verlangen nach Ergänzung und Selbsterkenntnis durch die Liebe mit dem insistenten Bedürfnis nach Selbstbestimmung durch den eigenen Willen zu vereinbaren.

Bei Unentschlossenheit stünden von Lange die großen, universellen Themen zur Verfügung: Liebe, Glauben, Macht und Verrat. Sie genügten Shakespeare, Verdi, Tolstoi, Flaubert und natürlich Goethe: Man muss sich nur entscheiden. Ohne diesen thematischen Kompass ist der Leser verdammt, die Sterne zu deuten, die Nase in die Luft zu stecken, um den Hauch des Meeres zu erschnuppern, oder den angefeuchteten Finger in den Wind zu halten. Wir horchten in Erwartung auf das dumpfe Klopfen der Flügelschläge des hoch oben auftauchenden Albatrosses, um nicht zu verzweifeln.

Da ist der vielversprechende »Prologue« in Briefform, der auf sehr intime, persönlich-subjektive Weise den Rahmen zu schaffen scheint, um der Klage der Romanheldin, ein Leben lang Gefangene der Männer gewesen zu sein, Raum zu geben. Gelingt es v. Lange, Einblick in die Gründe zu gewähren, um die Anklage verständlich zu machen und die Lesenden auf die Seite der Protagonistin zu ziehen? Die komplexen Zusammenhänge von Machtkämpfen und politischen Manövern bleiben für die Leser undurchdringlich oder bestenfalls nur peripher erkennbar. Ohne Johannas prekäres, wenn nicht gar tödliches Schicksal als Thronfolgerin in einen größeren Kontext zu stellen, bleibt die Heldin des Romans ein Opfer ihrer eigenen infantilen Tobsuchtsanfälle. Statt eine tragische Heldin von zeitloser Tragweite à la Bovary, Karenina, Lucrezia Borgia oder Jeanne d’Arc zum Herzschlag des Buches zu erheben, skizziert von Lange mit einem Zitterstrich eine blasse statt scharf konturierte Figur mit kraftvoller Stimme und klarem Verstand. Von Langes Johanna ist inkonsistent statt geheimnisvoll und faszinierend. Im Schattenriss der historischen Persönlichkeit erahnt der Leser eine missverstandene Querulantin der es leider an Komplexität mangelt, und die uns weder bewegt noch herausfordert. Wenn es darum geht, das spanische Reich in seinem goldenen Zeitalter zu regieren, erscheint mir Johanna von Kastilien, so wie die Autorin sie zeichnet, für den Job nicht geeignet (Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter). Die Entscheidung, Johanna ins Exil zu schicken oder gefangen zu halten, ist nicht von der Hand zu weisen. Johannas Mutter stufte sie als regierungsunfähig ein und legte die Thronfolge entsprechend fest. (Machiavelli zufolge waren Isabella die Katholische und ihr Gatte Fernando ein brillantes Herrscherpaar wenngleich nicht unbedingt gute Eltern.) In »Die Wahnsinnige« begegnen wir nicht einer Königin, sondern einer solipsistischen Rebellin, die sich in ihrer Begierde und ihrem Groll völlig verliert. Sie wirft mit Geschirr, fuchtelt mit Scheren, verweigert das Essen und rennt, wie Bertha, im wehenden Nachthemd barfuß durch die Gänge des Castellos. Wir sind Lichtjahre von Schillers »Maria Stuart« entfernt.

Nr. 53 Brontë »Jane Eyre«

Vorher war alles weichgezeichnet. Erst vor gar nicht so langer Zeit verflog der Zaubernebel meiner Kindheitserinnerungen an die Sowjetunion der 70ger. Fast drei Jahrzehnte lang glaubte ich an die programmatische Gleichberechtigung innerhalb des Regimes. Von kolossalen Plakaten umgeben, auf denen heroische Traktoristinnen mit hochgekrempelten Ärmeln die endlosen Weizenfelder bestellten, maskuline Schweißerinnen im fernen Wladiwostok an Atom-U-Booten herumlöteten, und Kosmonautinnen das kommunistische Credo ins Weltall hinaustrugen, wurde ich zu einer Mini-Kommunistin herangezüchtet, indoktriniert und gebrainwashed. Für den Wettkampf mit dem Kapitalismus mobilisierte der Propagandaapparat jeden Sowjetbürger und jede Sowjetbürgerin.

Die Feuertaufe der Oktoberrevolution versprach die Abschaffung aller Misstände, die totale und endgültige Emanzipation aller Unterdrückten und die Errichtung einer gerechteren Weltordnung, in der sie die Herrschaft des Proletariats anstelle des Patriarchats glaubte installiert zu haben – Zeit für eine besonnene Prüfung der Misstände, für eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Problematik der Gleichberechtigung, zum Beispiel, blieb im Tumult der gespenstischen Ereignisse von 1917 nicht übrig. Stattdessen wurde systematisch an den ideologischen Voraussetzungen für eine kollektive Verdrängung vor sich hin gestümpert und mit dem Repressionsrüstzeug aus dem üppigen Arsenal einer Diktatur den Rechtstatt fachmännisch abgebaut. Vom Rest der Welt abgeschirmt – der Welt, die sich wandelte, blieb im Sowjetreich die soziale, wirtschaftliche und kulturelle Umwälzung, einschließlich des klassischen Rollenverständnis’ der vorrevolutionären Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, aus. Das hierarchisch – und weiterhin patriarchalisch – aufgebaute Kollektiv, dem das Individuum generell untergeordnet war, stufte die Frau noch unter ihrem männlichen Genossen ein und führte zur ihrer absoluten gesellschaftlichen Ent- und Abwertung. Gewiss und gern, durfte sie Kohle abbauen, konnte jedoch ihren gewalttätigen kohleabbauenden Mann nicht zur Rechenschaft ziehen; auch konnte sie Schulter an Schulter mit Genossen die Baikal-Amur-Magistrale durch die sibirische Tundra legen, jedoch war sie dabei den Übergriffen ihrer Kumpels schutzlos ausgeliefert. Im Regime der glorreichen Zwangsvollbeschäftigung war Feminismus eine dekadente Doktrin der Kapitalisten, ein degeneriertes Hirngespinst imperialistischer Pseudo-Intellektuellen.

Zu Acht saßen wir an diesem, für Mitte Juli zu kühl geratenen, Freitagabend auf der üppig begrünten Terrasse und stellten zuletzt die Frage, die keine Besprechung dieses Werkes umhin kommt zu stellen: ist Jane Eyre ein feministischer Roman?

Durch das Prisma der feministischen Theorie begutachtet, ist Brontes Kühnheit, eine originäre Heldin erschaffen zu haben, deren Charakter weder in die Gussform des literarischen Archetypen einer liebenswürdigen Protagonistin passt, noch den gesellschaftlichen und sozialen Konventionen ihrer Zeit folgt, gewiss vorbildlich. Zwar bedient sich die Autorin durchaus einiger Klischees, sie werden indes als Genreverweis, Plotwerkzeug, oder schriftstellerische Unerfahrenheit marginalisiert.

Das morphologische und sozialökonomische Portfolio, mit dem Bronte ihre Heldin ausstattet, stellt Jane gesellschaftlich eine geringe Rendite in Aussicht. Schnell begreift Jane – geistig lebendig und wachsam – dass die Welt ihrer kümmerlichen Gattung kaum Lebensraum alloziert und nur bedingt bereit ist, sich ihrer zu erbarmen. Diese – ihre – von Männern beherrschte Welt, geprägt von Klassenbewusstsein, Sexismus, Rassismus und kolonialem Narzissmus, ist von Frömmlern, opportunistischen Schönheiten, verarmtem und verbittertem Landadel, hedonistischen Zynikern, selbstverleugnenden Extremisten, herrschsüchtigen Feiglingen, hysterischen Nymphomaninnen und devoten Kleingeistern besiedelt. In dieser Welt genügsam und autark zu sein, um nicht irregeführt oder von ihr überwältigt zu werden, um darin zu überleben scheint der einzig wirksame Lebensentwurf zu sein.

»…You must be tenacious of life«, beschließt Rochester süffisant, nach dem Jane ihm von ihrer Aufenthalt im Lowood-Internat erzählte. Seine nonchalante Bemerkung skizziert nicht nur Janes Charakter, sondern umschreibt en passant die katastrophalen Lebensbedingungen der Internate und Waisenhäuser der viktorianischen Epoche und offenbart die unhaltbare Misstände der Sozialstrukturen jener Zeit, von denen insbesondere Dickens, aber auch Elisabeth Gaskell noch berichten werden.

Jane ist entschlossen das Beste aus diesem ihrem Leben zu machen. Und ja, das ist Jane allerdings – eine Überlebenskünstlerin. Einige Zeit später, bereits trunken vor Liebe für sie, in einem rührseligen und wortreichen Rechtfertigungsmonolog, wird Rocherster diesen Überlebensdrang des Underdogs am eignen Leib erspüren:

 »…never was anything at once so frail and so indomitable. A mere reed she feels in my hand!…I could bend her with my finger and thumb… the resolute, wild, free thing … defying me, with more than courage – with a stern triumph…« 

Was seinem Bekenntnis folgt, verblasst neben dem Elend von Lowood, obgleich wir nicht umhin kommen, Jane selbst dafür verantwortlich zu machen, ihr Naivität und Weltfremdheit vorzuwerfen. Heimgesucht von Selbstzweifel und Schuldgefühlen, von Enttäuschung niedergeprügelt, droht ihr Willen unter der Belastung der gewaltigen Liebeserklärung und Selbstkasteiung Rochesters zu brechen. Es ist gewiss keine einfache Entscheidung – jeder moralisch empfindsame Mensch kennt solche Dilemmata zu Genüge. Tue ich mir Gutes oder handele ich moralisch richtig? Selten kann mit einer Tat beides befriedigt werden–in der Regel fällt das eine dem anderen zum Opfer. Und wenn irgendwie möglich, entscheiden wir uns, ähnlich wie Jane, unentschlossen zu sein – davon zu laufen. Bei manchen Lesern stößt diese Lösung auf Widerwillen, wahrscheinlich weil sie zutiefst menschlich ist.

Janes Flucht von Thornfield ist kein Zeugnis ihrer Stärke. Vielmehr spricht sie von einem verzweifelten Zugzwang eines Ratlosen – unnütz sind die Jahre des fleißigen Trotzes, der disziplinarischen Drosselung und Besonnenheit. Einsamkeit, Trostlosigkeit, Hungersnot – der Preis für ihren eigenwilligen Lebensweg – beschreibt Brontë erstaunlich wirklichkeitsgetreu. Vielleicht erst hier, nach gut 350 Seiten, gewinnt der protestantische Pappfigur-Wonder-Woman-Prototyp an Plastizität. Und die kulturelle Distanz, die zuvor die Anteilnahme an Janes Lage hinderte, verschwindet, als Bronte sich den universellen Belangen widmet – Sehnsucht, Ausgrenzung und Isolation. Der historische Kontext ist freilich lehrreich und verführt zugleich zu schulterklopfendem Eigenlob, in den 170 Jahren sozialpolitisch in causa Gleichberechtigung so weit gekommen zu sein, dass Janes kulturelles Umfeld, die Werte der viktorianischen Ära, wenn nicht als hanebüchen empfunden werden, uns doch zumindest befremden.

Seit der Aufklärung treibt die Selbstbestimmung die individuelle und soziokulturelle Dynamik in unserem Kulturkreis an. Gern auch allgemein »Freiheit« genannt. Oder »das Recht auf freie«, von äußeren Einflüssen unberührte, »Entscheidung«. Und es ist vermutlich diese fieberhafte Gier nach Selbstbestimmung, die aus Jane Eyre eine Emanzipation-Ikone machte.

Der Bestseller-Garant »Happyend« bedeutete 1847: Läuterung – Mäßigung – Konformität; anders formuliert: Plotgeplänkel – Heiraten. Charlotte Bronte scheint sich, auf den ersten Blick, den Konventionen unterworfen zu haben (sie selbst sehnte sich nach Veröffentlichung), in dem sie, wenig überraschend und allen Erwartungen nach, ihre selbstbestimmte Jane mit Eduard vermählt. Die begehrte Institution vermag die Autorin, auf den zweiten Blick, jedoch nicht zu romantisieren. Im Buch begegnet sie der Ehe mit rationaler Skepsis und kühlem Scharfsinn: Rochester windet sich vor seelischen Schmerzen, an Bertha durch die Ehe gefesselt sein zu müssen – von Happyend kann hier nicht die Rede sein. Und auch Jane zeigt sich reserviert, als ihr Vorbild Ms. Temple, zugunsten der Ehe auf den Beruf als Vorsteherin von Lowood-Internat verzichtet. Mit der Ehe, wusste Charlotte Bronte, wechselten bloß die Besitzer – vom Vater wurde die Frau an den Ehemann weitergereicht – an ihren Rechten (oder deren Defizit) änderte sich nichts. Im romantischen Bürgerturm des 19. Jahrhundert, durften Ehefrauen lächeln, nicken; die ehrgeizigeren Exemplare konnten sich beim Häkeln und Musizieren vollends verausgaben. Zur Zeiten Brontes erhitzte sich die Debatte über das weibliche Schriftstellertum – ob es sich für eine Frau ziemte, und wenn ja, worüber sie schreiben sollte; manche, sich auf die intellektuelle Dürftigkeit des Weibes berufend, fragten, von was wohl eine Frau zu berichten vermag? In Betracht dessen wirkt die noch andauernde Empörung über die Lohndiskrepanz einer Traktoristin oder Quoten-Kosmonautin als undankbare Nörgelei. Inzwischen, 170 Jahre nach Janes literarischen Geburt, scheint der Diskurs um Gleichberechtigung oder Geschlechtergleichheit obsolet. Ein wenig wahr ist es vielleicht: zumindest müssen wir nicht in den Mooren verrecken, wenn wir jemanden nicht heiraten wollen. Überhaupt müssen wir nicht verrecken, wenn wir uns entscheiden, die Rolle des Protegés nicht anzunehmen.

Und wenn sich auch die Bandbreite der Wahlmöglichkeiten jenseits des Lächeln und Nicken ausdehnte, widersteht der Wertekanon jedweder Anpassung, die Spielregeln der patriarchalischen Gesellschaft bestehen nach wie vor. Beispielsweise die Sache mit der Intuition. Dies war, noch vor ein paar Jahren ein weiblicher Vorzug. Soft Skills, Empathie, emotionale Intelligenz, etc. Hartnäckig setzt sich die Schablonisierung und Schubladisierung in männlichen aber auch weiblichen Köpfen fort, allen Forschungsbemühungen und -ergebnissen der Neuropsychologen und wie sie nicht alle heißen, zum Trotz. Rosa Püppchen und babyblaue Spielzeugautos. Ingenieure und Stewardessinnen. Päpste und Mütter Theresas….

Brontës Forderung, die eigene Integrität stets vor Augen zu haben, sein Handel danach zu richten, unbekümmert von der beliebigen Etikettierung des Zeitgeistes – ohne Ansehen des Geschlechtes – das gilt heute mehr denn je.

»…I am no bird; and no net ensnares me; I am free human being with an independent will, which I now exert to leave you.«