Drama oder Vaudeville?

Um den Mythos von Perseus und Andromeda besser zu verstehen, ist es hilfreich die Lebensgeschichte Perseus‘ ein wenig zu beleuchten.

Gezeugt wird er von Jupiter, der – verwandelt in einen güldenen Guss – Danae schwängert, die von ihrem Vater bereits in einen Kerker eingesperrt wurde, um just diesen Ereignis zu verhindern. Das kümmert  Jupier wenig. Die Prophezeihung tritt ein und geboren wird Perseus, der dann, samt Mutter, in einer Kiste aufs Meer hinausgeschickt wird, ihrem vermeintlichen Tod entgegen. Jupiter weiss auch dieses Vorhaben Akrisios‘ mit Hilfe Poseidons zu vereiteln und lässt beide überleben, worauf hin die Kiste mit Danae und Perseus an den Stand des Insels Seriphos gespült wird. Der König des Insels Polydektes wirft ein Auge auf Danae, die inzwischen mit ihrem Sohn im königlichen Palast aufgenommen wurde. Perseus und der Bruder des Königs bemühen sich Danae vor den unkeuschen Absichten des Königs zu schützen. Das missfällt Polydektes, sodass der einzige Weg sich der Beiden zu entledigen ist den Bruder zu verbannen und vom Perseus den Haupt Medusas als Geschenk zu verlagen. So beginnen die Abenteuer des Perseus.

Um die Zeit der Bildentstehung, ca. 1576, umwütet Venedig, wie auch die übrigen Teile von Europa und England, erneut die Pest. Eine Quelle berichtet, dass bis Mitte der 70ger Jahre, in Venedig bis zu 70,000 Menschen der Epidemie erlagen, unter anderem auch Tizian, den Veronese – zu recht – sehr verehrte. Die Stimmung drückt auf Veroneses Laune, sodass sein zuvor farbenprächtiger Malstil, der die Opulenz Venezianischer High Society in aller Herrlichkeit und Prunk dokumentiert, sich nun durch eine düstere Farbpalette und bedrückende Bildaufbau kennzeichnet. Ob als Andacht an Tizian oder durch sein Gemälde »inspiriert«, wählt Veronese in diesen Jahren das Mythos von Perseus und Andromeda als Sujet für ein Bild. Um sich von seinem Idol zu unterscheiden, spiegelt er die Bildkomposition Tizians, »entlehnt« jedoch die Wahl der Szene aus dem Mythos der Vorlage des vom Beuelenpest dahingerafften Meisters. Klugerweise. Denn Ovid Perseus nicht ganz eindeutig als Helden charakterisiert. So, zum Beispiel, schreibt Ovid: von Andromedas Schönheit entzückt, vergisst der Held kurzer Hand mit den Flügel seiner Sandalen zu schlagen, sodass aus seinem heroisch-eleganten Auftritt eine Slapsticknummer zu werden droht. Der Leser kann sich die stümpferhafte Landung vor der an den Felsen geketteten Andromeda (womöglich hat sie Perseus erspäht und schmachtet nach ihrer Rettung) lebhaft vorstellen – der ganzen Szene kann man eine gewisse Komik abgewinnen. Sich allmählich vom sinnlichen Rausch erholend, sicher und apart landend (schließlich wird ihm die Beweglichkeit attributiert), fängt Perseus Andromeda Löcher in den Bauch zu Fragen. Ebenfalls ein Bild für Götter: da steht die nackte, hilflos an den Felsen gekettete, und ihm fällt nichts anderes ein, als sich von ihrer Erscheinung entzücken zu lassen und sie auszufragen, anstatt vielleicht ihre Nachkheit mit seinem Umhang zu bedecken. Nein. Irgendwann kommt sie zu sich und erzählt von der Arroganz ihrer Mutter, die ihr ihre Schicksal bescherte: Um den empörten Poseidon zu besänftigen, musste die Mutter ihre Tochter dem Seeungeheuer opfern, sonst drohe Äthiopen den Untergang durch den Flut.

Während der wehmütigen Erläuterung ihrer Lage, taucht der angekündigte Seeungeheuer auf und steuert, zunächst „wie ein Schiff“ auf den Felsen zu. Überhaupt nimmt Ovid es nicht so streng mit der Kontinuität der Vergleiche – mixed metaphors (or similes in this case) – egal. Wie ein Schiff oder auch Schleudergeschoß – Hauptsache dem Leser wird verständlich und bildhaft eingebläut, der Monster rast in schwindelerregendem Tempo auf seine Beute zu. Auftritt Perseus: mit grösster Theatralik schwingt Perseus sich in die Lüfte, holt aus und versenkt sein Krummsebel in das Tier. Die bereits am Schauplatz des heroischen Kampfes angekommenen Eltern Andromedas sind schwer begeistert und als Dank, Äthiopien vom Untergang gerettet zu haben, ihre Tocher an Perseus übergeben.

Weshalb, fragt man sich, musste er aber so eine Show veranstalten? Wäre es nicht wesentlich einfacher, er hole den Kopf Medusas heraus und versteinert den Monster? Wieder entsteht der Eindruck, auch diese Zeilen schrieb Ovid süffisant grinsend. Kurz über das von Ovid Dargebotene nachsinnend, entsteht auch hier der Eindruck einer Inszenierung.

Später, nach der Rückkehr in Seriphos, werden seine Heldentaten hie und da in Frage gestellt. Sein höchst unsouveräner Umgang mit Skepsis seine Tapferkeit betreffend provoziert den Verdacht, Perseus leide an einem Minderwertigekeitskomplex. Denn jeder, der seine heroische Tapferkeit bezweifelt muss des Medusahauptes ansichtig werden und versteinern.

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