Nr. 30 Rossbacher »Hillarys Blut«

Das ewig-stumme Darübernachdenken

Auf der Suche nach leiblichem Amüsement pilgern bekanntlich Männer in die Hansastraße. Doch an diesem herbstlichen Maiabend (Freitag, 17. Mai 2013) war das Vergnügen eher geistiger Art und ganz unsererseits.  

Ein kleiner Gang, herzlicher Begrüssungstumult. Man ist untröstlich – die Zeit reichte nicht für ein Mitbringsel.  Damselá trägt selbstbewusst Komplementärfarben. Damsellena kommt direkt vom Flughafen. Damselnette hat ein Anschlusstermin im Tal. Wohnzimmer, in dessen einer Ecke eine leidende Yucca Palme zum Verkümmern hingeschoben wurde. Orientalische Läufer auf dem Parkett. Auf der Glasplatte des Couchtisches liegt ein Raffaelo-Teppich. Ich stelle meine Kokosraspeltüte dazu. Rum und Rohrzucker, Spießchen und Avocadobrei. Noch Eine auf dem Balkon rauchen. 

Es folgt die obligatorische Fotodokumentation der Exemplare der Lektüre: sie alle werden wahllos zwischen den Raffaelos und sich langsam leerenden Gläsern geschoben und gerückt. Zahllose Telefone werden zum Auge geführt. Ich krieche zum Beistelltisch vor der Yucca Palme in der Ecke, worauf das Buffet arrangiert ist. Die Spießchen sind schon weg. Es ist noch Ajvar, Avokadobrei und Fantakuchen übrig. Ich mache eine mentale Notiz: „nächstes Mal – früher kommen“. Zurück auf meinem Sitzkissen–Kelim–Pouf, schieb ich die Schale mit den Salzstangen näher an mich heran, um dem Rumgebräu Einhalt zu gebieten.

 

Den amusischen Umschlag des Taschenbuches ziert ein ödes Kontrastverlagzeichen, ein Cyan Dreieck und – da ist sie wieder, im unteren linken Eck – der spitze Fächer eines Yucca-Palmenblattes. Am Horizont rast, abgehend wie eine Rakete, die „Endless Joy“ ins innere des Buches, die Titelschrift blutet – dem Raumkontinuum trotzend – auf den Beckenrand des randabfallenden Schwimmbeckens; noch ist die Schriftgröße, in der der Name der Schriftstellerin gesetzt ist, der dem Titel des Buches untergeordnet. Bei der Umschlaggestaltung deuten nur die Escheresquen Bluttropfen auf Makabares hin. 

Schon die Qualität der Titelgestaltung, die in der Entwurfsphase auf Sand gelaufen zu sein scheint und höchstens für einen dritt-klassigen Reiseveranschtalterkatalog noch taugen könnte, hätte in uns ein leises Mistrauen auf die Beschaffenheit des Inhalts hin, wecken sollen.  Doch die Erfahrung lehrte uns Vorurteilsfrei zu sein: Längere Tage umschlug ein sehr ansprechender Titel – ein trügerisches Versprechen. 

Leider fällt mir zum dahinplätschernden Aneinanderreihen von Buchstanben Frau Rossbachers kein Vergleich ein. Zwar entsteht in der Natur das atemberaubend Schöne scheinbar unbemüht, die Schöpfung hierbei ist jedoch Ergebnis einer Überprüfung und Perfektionieren – also des stetigen Lektorates wenn man so will – über Jahrmillionen. Und dieses Phänomen setzt sich leider bei Menschenwerk fort: um den Eindruck von Mühelosigkeit – also der vervollkommneten Natürlichkeit – zu erlangen, bedarf es verbissenen Fleißes.

Die Naivität mit der Frau Rossbacher ans Handwerk herantrat, zeugt entweder von ausgewachsener Dummheit oder infantiler Unkenntnis; das Kriminalromangenre zu wählen, bestätigt eindringlich ihre katastrophale Selbstüberschätzung, denn diese literarische Gattung verlangt akute Intelligenz und strategische Raffinesse, zuallererst und mindestens bei der Plotgestaltung: sie wäre besser beraten gewesen, als ihr Erstlingswerk eine auto-biografische Liebesschmonzete zu verfassen, um sich an das Schreiben etwas zu gewöhnen. 

Dem tapsigen Möchte-Gern-Krimi konnten wir nicht mal eine drollige Absurdität abgewinnen. Es schien, als krümmten sich bei Damselnette die Zehennägel, als ich abermals versuchte das Gespräch zur Lektüre zurückzuleiten. Stattdessen suchten wir Trost in Rafaellos, Vergessen in Steffsells Wohl-und-Wehe-Mochitos, diskutierten über das Unterfangen Marcel Proust anzupacken, um nur die zehn-bändige Lektüre, als möglichen Anwärter für die nächste Leserunde kleinlaut wegzudiskutieren.

In unserer aktuellen Lektüre – Das Mädchen mit den gläsernen Füssen, beschreibt der Autor den Prozess des Schreibens, wie folgt:

»Often he compared his writing to white water. He had only to leap in to be dragged away on its rapids, thrown this way and that with his own will rendered impotent. «

Mir diesen pittoresken Vergleich vorm geistigen Auge haltend,  wünschte ich mir, Frau Rossbacher wäre laut- und buchlos untergegangen. Daß der Strom ihre Haare zu blass-blonden Schnörkel verwirbelt, sie zu einem ewig-stummen Darübernachdenken zu sich – in die Tiefe – herabholt.

Dienstag, 12. Juli 2016

Sabiosexualität/Sapiosexualität

Gefunden in der Wochenendausgabe der Süddeutschen Zeitung vom 30./31. Januar 2016

Im Artikel über Modetrends, wird eine Zielgruppe beschrieben, die – offenbar – unter  „Suhrkamp-Tourette“ leide. Ferner haldelt der Artikel von der Werbekampagne der Firma Brioni, die bona fide Intellektuelle in ihre Anzüge gesteckt hat.

Doch ein wahrer Gentleman lässt sich ausschließlich in der Saville Row die Anzüge maßschneidern: Brioni – nach Meinung dieser Zielgruppe – ist was für Nouveau riche-Russen. (Gesichtet: Brioni Store in Kyiv – QED).

Brioni Kyiv

Der Wert der Sprache

Erste Woche August, 2015
Thema der Woche der Süddeutschen Zeitung: Rechtschreibreform
Die Grafikabteilung mühte sich an einer Brachialvisualisierung ab, um den komischen Aspekt des Themas bildhaft zu machen: Sprachbläschen eines gängigen Nachrichten-Apps sollten die sinnentleerten Vorschläge der unausgereiften Autokorrekturprogramme mit Humor begegnen, wo längst die Dadakomödie der autokorrigierten Nachrichten zu einer unerträglich tragisch-grotestken Farce, über die absurde Mühsal mit einem Scheißtelefon über Worte rumdiskutieren zu müssen, mutierte.

Und mehr…

Der Kampf mit dem Autokorrekturwerkzeug nimmt Zeit in Anspruch, die es des Werkzeugs Aufgabe ist zu sparen. Und leider ist es unmöglich, die Autokorrektur zu feuern, wie eine schlechte Sekretärin – »Tut mir leid, wir müssen Sie leider gehenlassen…«.

Das zum Layout.

Unten links druckte die SZ ein überschauberes Interview mit Kathrin Kunkel-Razum ab, das von der Duden-Hotline berichtet. Das ist schön. Bisher war es uns unbekannt, dass Duden ein Callcenter hat. Wir freuen uns.

Aber was ließt man weiter: 1,99 Euro pro Minute (wahrscheinlich auch noch »angefangene Minute«).  Stellt sich sofort die Frage: Darf die Sprachpflege etwas Kosten, also Luxus sein? Und wenn ja, wie viel? Unsereiner kann sich einen knappen Gespräch über ein Wort nicht Vorstellen. Und schon ist die Telefonrechnung ins Astronomische geschnellt. Das mit acht Mitarbeitern besetzte Callcenter deutet unmisverständlich auf den verschwindend geringen Traffic hin. Und wieso auch nicht? Inzwisichen wird gewischt statt gedacht, erahnt statt verstanden, fabriziert statt formuliert.

Spiel ist was heiteres

Zwei Entdeckungen
In München gibt es einen Samstag im Jahr,  an dem nicht etwa die Münchner sich mitten in der Nacht ins Museum schleppen oder wie Vieh in Omnibusen von der einen Musikveranstaltung zur nächsten durch die Stadt karren lassen. Nein!

Diese Veranstaltung ehrt die menschliche Würde. Ganz gentil kann der Teilnehmende durch die Stadt schlendern, schmökern, verweilen, im eigenen Tempo. Heuer im Regen. Durch die Innenstadt. Mit Gummilatschen.

Im Flagship Store der Büchergilde findet man stets Schönes, Wertvolles, Unwiderstehliches.
Am Samstag, dem 11. Juni, widerstand ich dem Konsumtrieb nur durch Verzehr von Weissen Mäusen, die, in einer gigantischen, am Eingang strategisch aufgestellten Schale,  den Besucher süsslich heranlockten.

Die Überspungshandlung mit den Mäusen half nur kurzzeitig. Im entzückenden Zuckerrausch wuchsen im gleichen Maße die Begehrlichkeit am Schönen und die Missbilligung des  Konsumismus. Denn auch vor der heimtückischen Selbsttäuschung – es handele sich ja um Bücher, nicht etwa um reduntantes Zeug, wie Schuhe,– muss der Bibliophile auf der Hut sein:
das Gedruckte und Gebundene schmeichelt eifrig dem Eigenbild vom intellektuellen Wesen,  und spottet hinterher mit staubigen, hüfthohen Stapeln des Ungelesenen.

Mit zähneknirschender Disziplin liess ich auch dieses  lehrreiche Kartenset im Laden liegen.