Archiv der Kategorie: Gelesen und besprochen

Nr. 47 Herrndorf »Arbeit und Struktur«

It was a hot and stormy night, am Freitag des 17. Juli.

Die Türklingel, noch ein fremdes Geräusch, ertönt (gefühlte) alle fünf Minuten im Zeitraum von sieben bis halb neun Uhr abends. Beim letzten Klingeln ist die 1. Stufe der Konditionierung abgeschlossen – Klingelton löst ein Bewegungsreflex in Richtung Eingangstür aus. Konditionierungsstufe II: Differenzierung zwischen Haustürklingelton und Wohnungstürklingelton.

Stilsicher bringen Gäste Wohnungseinweihungsgeschenke: Becherchen mit Samen der Pfefferminze für Balkonbegrünung, Bücher, die vom Teeweg erzählen (Großes Kino), Brotmesser (Evasel fackelt nicht lange rum mit Leihbrotmesser – „Hier haste nun ein Eigenes.“), Biene-Maja-Bleistift mit Radiergummi zum draufschrauben – kann man immer gut gebrauchen – man findet nie die Scheißradiergummi (überhaupt überreicht Susasel ihre ganze Beute aus der Kindergartensommerfest-Tombola „Ich hatte heute Glück im Spiel.“), Röster der Marke Siemens, mit dezent grauem Kunststoffgehäuse (Dauerleihgabe), Knisterbadesalz (s. o. unter „Tombola“)…Geschenke, Geschenke – da war was.

Nach jedem Klingeln, Führung durch die Wohnung, insgesamt fünf davon. „Hier das Bad – viel zu groß, braucht kein Mensch.“ „Ja, das Geschirr wird im Badezimmerbecken abgespült.“ „Kenn’ ich. Hatte ich auch, als ich auf die Küche wartete. Total doof.“ „Deshalb die Pappteller.“ „Klar.“ „Gläser könnt ihr aber schon benutzen, sonst fühlt sich das an, wie am Campingplatz in Bibione.“ Bei den Temperaturen, eher Eilat.

Alle unterschreiben die Geburtstagskarte/Gutschein für Damsel Pé. Wir schenken Dir, liebe Pé, einen Theaterbesuch mit uns im Schlepptau. Marstall. Flaubert. Madame Bovary. Termin noch offen.

Als wir vollzählig sind, muss zunächst in die Wirtschaft gegenüber, wo uns der freundlich-unkomplizierter, bestens gelaunter griechischer Wirt Stühle ausleiht (Klar, bei diesen Temperaturen fühlt er sich wie zuhause – mutmaßlich Thessaloniki, dem Kneipenschild nach zu urteilen. Wenn ich eine ukrainische Kneipe eröffnen würde, wäre „Bukowina“ mein eindeutiger Favorit für den Imbiss Namen, auch wenn niemandem das was sagen würde. Irgendetwas mit Wodka geht nicht, ist ein russisches Wort. Donbas wäre inzwischen geografisch einwandfrei, politisch jedoch nur schwer verortbar. Höchstens noch Borschtsch, weil Dnipro durch Belarus bis zum fernen Russland fließt, Borschtsch hingegen, oder das was man im Westen sich darunter vorstellt, ist unmissverständlich ukrainischen Ursprungs; ein kurzer Abstecher in die Borschtschhistorie auf der russischen Wikipediaseite: sie können sich winden, wie sie wollen, etymologisch haut es einfach nicht hin, da – laut wikipedia.ru – „Beete“ auf russisch, vom griechischen „seukla“ abgeleitet, „svekla“ heißt – klingt ganz nach Borschtsch, nicht; im Ukrainischen ist das Wort für Rote Beete „burjak“ – no brainer. Die Liste der Ursprungsländer fängt zumindest mit Ukraine an, dicht gefolgt von Belarus und Russland, dann Lettland, Polen ganz zum Schluss: das russisch-polnische Verhältnis – schon immer angestrengt und unversöhnlich – man gönnt einander rein gar nichts.). Im Gänsemarsch („Jeder bitte nur ein Stuhl“) trippeln wir zurück. Trotz Stargaststatus ist der Stargast vom Stuhlschleppen nicht verschont: Susasel und er gehen voraus, während wir noch mit dem Wirt schwatzen und die Leihgabe protokolieren. Dann erst mal 6 Stühle und 7 Personen in den 13-Personen-Aufzug stapeln – Tetris, für die, die das Spiel noch kennen und sich daran erinnern. Dabei die Frage: Wie passen 13 Personen da rein? – ein Bild kommt auf: Wange gegen die fremde Achselhöhe gequetscht – da nehme ich lieber die Treppe – auch in den siebten, aber ohne Stuhl – die urige Massivholzvariante ist bei der Hitze eher unhandlicher Granitblock, mit jedem Schritt an Gewicht zunehmend – Dagsella trippelt barfuß durch die asphaltierte Ramersdorf-mit-einem-Hauch-Haidhausen-Anlage – neue Schuhe blieben in der Wohnung. Vehemente Beteuerung auf mein mütterliches Geheiß hin „Hier Birkenstocks, blasenfreundlich, die gleichen, die du auch hast, ja fast die Deinen, schau die vertraute Tarnoptik. Sie waren schon in Thailand, energetisch also safe.“ Danke, nein.

Stühle auf dem Balkon um Jean herum: Zitronenkuchen (Zitrone oben drauf, statt drin), Gurken- und Karottensalat, Taboulé („beim schnippeln die Zeit aus den Augen verloren“), scharfe türkische Ziegenkäseschmiere (Damsel Pé weist mich darauf hin, dass da Chilistückchen drin sind: äh, Ja!), Tzatziki in rauen Mengen, Baguette (gezupft und nicht geschnitten), Ciabatta, Traubensaft, Kräcker und gekühlte Honigmelone. Pappteller fliegen samt Inhalt uns um die Ohren – Riedelgläser wackeln bedrohlich im Wind (gewichtlos da mundgeblasen). Das Vorhaben, die stürmisch böige Dämmerung mit Grablichtern gemütlich auszuleuchten, scheitert.

Bei der Recherche der Herrndorfschen Musikvorlieben entdecke ich Anne Boleyns Requiem – the extremely accomplished lady vertrieb ihre Zeit im Tower of London – ihre Hinrichtung antizipierend – mit Komponieren. Dem Liedcharakter nach zu urteilen, befand sich die Königin von England, zweite Frau Heinrich des VIII (je nach Konfession: für Protestanten, 1. Frau Heinrichs, für Katholiken, Konkubine), Mutter der zukünftigen Königin von England Elisabeth I, Schwester von Heinrichs Mätresse und folglich Tante der vermeintlichen Bastarde und Märtyrerin, irgendwo zwischen der 4. und 5. Phase des Kübler-Ross’schen Models. Mit „O death, rock me asleep“ eröffne ich die Diskussion – Musik ist herrlich abstrakt und rührend – in der Renaissance ohnehin betörend in Dur mündend. Beim Aufräumen am Nachmittag, (36 Grad im Schatten) hörte ich „Das Wohltemperierte Klavier“. Über die ärgsten Phasen der epilepsiebedingten akuten Geräuschverzerrung berichtete Herrndorf, dass nur „Bach geht immer“ – wahrscheinlich weil rein rational, wie schöne Analytische Geometrie.

„14.7. 2012 23:22

Musik höre ich ja epilepsiebedingt schon lange nicht mehr, Musik fast immer falsch, fast jede Musik falsch. Richtig nur: Bach. Bach geht immer. Ging immer, war immer richtig. Hirnrichtige Strukturen, ahnte man ja schon lange. Auf Youtube über Gould kommend jetzt BRAHMS Piano Concerto no.1 in D minor. Geht auch.“

Nachtrag
Von Gould gespielten Bach ist sublimierter Bach, die Zusammenfügung ist eine wundersame schöpferische Synthese  – Wahn und Vernunft.

Vernunft und Mitgefühl.
Im Laufe des regen Sich-Mitteilens entwickeln sich ein Vernunft- und ein Verständnis-Lager. Ich, die kritische Verstand gesteuerte Flanke, die anderen, voller Verständnis und Anteilnahme. Während ich scheinbar unbarmherzig den Blogger (jemand, der an einem Blog schreibt) und sein Blog zerpflücke, gnadenlos die Absenz vom künstlerischen Funken, Katharsisgedöns, anprangere, plädiert der Rest für die sympathische Einmaligkeit der authentisch-rohen Allürenlosigkeit, die ein verzerrungsfreien Einblick in die Bewusstwerdung der eigenen Endlichkeit gewährt. Ich bin kurz vorm Ausrasten: sollte nicht gerade ein Autor – Anatom der Psyche – sich der naiven, irrig-tröstenden Scheuklappen der Verdrängung mit der Berufung zur Schriftstellerei entledigt haben?

Die Böen zerren weiterhin an sommerlichen Ein-Hauch-von-Nichts-Kleidungsstückchen, Plastikbecher sind zu Windlichtern umfunktioniert, mit mittelmäßigem Erfolg, wir diskutieren nun auch über Euthanasie, die Selbstbestimmung usw. Da sind wir alle gleichgesinnt: das würdelose Dahinsiechen, das den-Nahestehenden-auf-den-Sack-gehen, das ist nicht so gut. Verständlich ist jedoch, dass, kulturell bedingt, am selbstbestimmten Lebensende noch das Etikett des Selbstmords anbabbt, somit – ab in die Hölle, mit unserem Wertesystem schwer zu vereinbaren. Der Stargast erklärt, es käme davon, da immer noch die Meinung weitverbreitet sei, der Herr schenke uns das Leben, der bestimme auch dessen Dauer. Ich denke und meine, Herrndorf erwähnte es irgendwo ebenfalls, die Entscheidung einem Glauben anzugehören ist auch eine bewusste Entscheidung, ein klein Stück seines freien Willens einzubüßen oder für Antworten, Eindeutigkeit, das Gefühl der Sicherheit und Schutz einzutauschen: eine Religion oder Dogma befreit vom lästigen Selber-Denken, von Verschwommenheit und dem alles verschlingenden Chaos – ein schmuckes Gedankenhäusle hat ja jemand schon zusammengezimmert – durch die Tür, die linke Reihe, jeder nur ein Kreuz.

Nach Damsel Pés Geschenkgutscheinkartenübergabe entsteht ein Missverständnis: meine Behauptung, Damselnette lehne das gemeinsame Lesen von Madame Bovary ab, sei falsch. Ja nein, ja nein usw. Damselnette ist verwirrt, ich grübele nach und stelle fest, nein, ich irre, es war Anna Karenina. Es folgt eine Erzählung von den Sommerferien mit 17 oder 18 Jahren. Meer-und-Strandaufenthalt mit der besten Freundin, in Dauer-Tolstoi-Verzückung – sie lesen sich das Buch gegenseitig am Strand laut vor: Bonjour Tristesse.

Stellenweise muss ich mich vollends auf das Balancieren des beladenen Papptellers auf meinem Schoß konzentrieren. Susasel kommentiert Herrndorfs extreme Emotionalität und Empfindsamkeit – ich horche begeistert hin während mein Essen gemächlich vom Teller auf das weiße Schahrasadgewand gleitet. Die coole abgeklärte Diegese des nahenden Lebensendes strotzt von klassischen Paradoxien: Ja, Herrndorf war ein höchst emotionaler Mensch, er erfuhr die Umwelt mit der Breitseite der Gefühle – dieses Erkenntnis oder den Eindruck entsteht TROTZ seiner Bemühung nüchtern oder als pfiffiges Arschloch zu erscheinen; ein Atheist, der auch jede andere Form von Esoterik energisch missbilligt, äußert den Wunsch, seine letzte Ruhestätte mit einem christlichen Symbol zu kennzeichnen, beispielsweise (auch hier, die auffällige kokette selbst-abwertende Bescheidenheit):

„19.7. 2013 8:12
Am liebsten das Grab in dem kleinen Friedhof im Grunewald, wo auch Nico liegt. Und, wenn es nicht vermessen ist, vielleicht ein ganz kleines aus zwei T-Schienen stümperhaft zusammengeschweißtes Metallkreuz mit Blick aufs Wasser, dort, wo ich starb.

Wir können nicht wissen, wie er vor der Diagnose war, folglich, wie und ob sie ihn veränderte – das erschwert das Beurteilen, was das Kenntnis über das unmittelbaren Ende mit einem anstellt. Klar, seine Freunde, für die, die Chronik zunächst gedacht war, sind in dieser Hinsicht uns gegenüber im Vorteil.

Es ist, trotz allem, eins des besseren Nabelschaujournals, das Dank des imminenten Endes überschaubar bleibt, im Gegensatz zu, beispielweise, den unerträglichen Anaïs-Annalen, die sich fast ins Bhagavad Gita-esque ausdehnen.

Sein Schreibstil, seine Erscheinung, das eindringlich Menschliche – unwiderstehlich liebenswert.

(Auszüge aus dem Blog Arbeit und Struktur)

Nr. 44: Dostojewskijs »Weiße Nächte«

Das Herrumirren im Dunst des Abschweifens

Vor meiner Abreise in den/die Schwabinger Literatursalon und Boxschule führe ich ein kurzes Telefonat mit Steffsel, die sich meldet, um aufgrund einer grippalen Erkrankung abzusagen. Wir wollen noch die manischen, narzisstischen, und histrionischen Aspekte des Helden untersuchen. Ich will gute Besserung wünschen. Ich will in der streng geschnürten fachmännischen Zusammenfassung von Verhaltensstörungen handfeste Belege für meine Auslegung der Kurzgeschichte finden und eine Glaubensgefährtin gewinnen.

Das dichte, beklemmende Wucherpathos und wahnhafte, exaltierte bis hysterische Verhalten des Ich-Erzählers (Cluster B) zwingen den Eindruck einer depressiven Persönlichkeit auf. Ohne generell das Leiden an Persönlichkeitsstörungen zu bagatellisieren, ist „charakterlicher Schlaffi“ dennoch die finale Ferndiagnose – es ist jedoch inzwischen unklar, ob noch vom schizophrenen Helden oder seinem Schöpfervater die Rede ist. Eine Blitz-Selbstanalyse offenbart: meine abwertende Haltung dem Helden und seinem Autor gegenüber könnte durch die Sekundärliteratur – Vorlesungen zur Russischen Literatur– entstanden sein. Darin erörtert Nabokov seine Aversion gegen Dostojewskij und dessen Werke. Aber auch der zu Gemüte geführte 7-Teiler des russischen Fernsehens, dessen Ausstrahlung glücklicherweise mit unserem Lesestoff zusammenfällt, zeichnet ein nicht eindeutig heldenhaftes Bildnis des Schriftstellers: feige hangelt sich Fjodor Michailich entlang der Rocksäume von verarmten Opportunistinnen, Venus-im-Pelz-Revolutionärinnen, wohlhabenden Tanten, Aktricen, usw. Und weil es schön zum Stereotypen des zwiespältigen Helden passt, erschafft die Serie einen frömmlerischen, notorisch-leidenden narzisstischen Versager, der sich zum hypersensiblen Märtyrer und alleinigen Experten der „russischen Seele“ hochstilisiert. Dabei erscheinen sogar die epileptischen Anfälle wie eine rührselige Selbstinszenierung. Der Spielsucht unterworfen, taumelt Fjodor Michailich schweißgebadet von einem finanziell ruinösen Unterfangen ins Nächste und nutzt sein Talent lediglich als notgedrungene Erwerbstätigkeit, um sich die Gläubiger vom Leibe zu halten. Am liebsten wäre er – Dostojewskij – ein wohlhabender Aristokrat wie Graf Tolstoi, der sich einen Dreck ums Geld scherte und unbekümmert den Muzhik mimte.

Willig lasse ich die Meinungen Anderer auf mich Einfluss nehmen.

Mit einer Mindmap des Wiedergekauten ausgestattet, begebe ich mich in den/die Schwabinger Literatursalon und Boxschule, um am Vorabend des St. Valentinstages – der Tag der Liebenden – mein Missfallen an Dostojewskijs Weiße Nächte kundzutun. Auf die Eindrücke der drei anwesenden Damsels bin ich neugierig, wähne Dostojewskijs Rehabilitierung jedoch als unwahrscheinlich.

Ferien (Dagdamsel), Krankheit (Steffsel) und Umzüge (Evasel) sind für die sehr intim gewordene Runde verantwortlich.

Vielleicht ist es der trügerische Glaube, ein Gespräch zwischen einer überschaubaren Teilnehmerzahl mit kategorischen Ansichten gegenüber dem Lesestoff sowie dem Verfasser bedürfe keiner Navigation, der uns auf eine fast sechsstündige Diskussionsodyssee schickt; nach mehrmaligem Zuprosten setzt sich die Idee des sich treiben Lassens einvernehmlich durch, ein Lebensentwurf, den schon Chet Baker mit dem vom Jimmy McHugh und Frank Loesser komponierten Lied „Let’s get Lost“– Hymne der Irrfahrt – besang und beblies, wonach wir von Parenthese zu Parenthese trippeln, unterbrechen und brechen ab, kehren um und kreisen umher.

Ein Gastgeber, der an der regionalen Angst, das Knauser Image der Schwaben wiederlegen zu müssen, leidet, neigt bei Aufwand und Umfang der Verköstigung zu vorbeugender Übertreibung. Für Gamsel ist die größtmögliche Katastrophe, es könnte durch Fehlschätzungen und Annahmen zu einer akuten Knappheit der Speisen kommen und die Gäste verließen ihre Tafel, ein kleines Etwas noch vertragend. In der Hoffnung, das Unglück durch Vorausberechnung zu vereiteln, stürzt sich ein von solchen Sorgen geplagter Gastgeber in die akribische Recherche und Planung: der Tisch biegt sich vor Nahrungsüberfluss und es gäbe auch noch tadschikischen Wodka hinten im Bauernschrank.

Schon „der große Schweiger“ Helmuth von Moltke d. Ä. wusste: „kein Plan überlebt die erste Feindberührung.“ Mag sein, dass die praktische Veranlagung des Militärstrategen an seiner mecklenburgischen Herkunft lag – die schwäbische Gastgeberin dagegen ist entsetzt und fassungslos, als sich herausstellt, dass das tiefgefrorene elsässische Flammküchli für den vegetarischen Verzehr ungeeignet ist , sodass der Damsel, die sich nur fleischlos zu ernähren vermag, nun eine Schale Chips und Ernussflips sowie ein frischgebackener Zitronenkuchen zur Verfügung stehen. Ein Baguette muss also her, welches bei der sich verspätenden Damsel per Reisefernsprecher noch rechtzeitig bestellt werden kann. Erleichtert wischt die Wirtin die Schweißperlen von ihrer Stirn – alle Gäste kauen selbstzufrieden, eine Flasche Weißwein wird entkorkt – dem Streitgespräch steht Nichts mehr im Wege. Der von Pizza und romantischen Nächten im Mondschein trällernde Dean Martin wird zum Schweigen gebracht, und nach einem selbstgefälligen „Auf Uns“, eröffnet die Gastgeberin die Debatte.

Gamsel erklärt, dass eine kurzfristige innige Vertrautheit zwischen völlig Fremden nicht unüblich sei. Zum Beispiel in der Schutzatmosphäre eines Seminars. Der scheinbar urteilsfreie Rahmen bedingt die rasche Entfaltung von Vertrauen und Offenheit: die beiden Helden unserer Kurzgeschichte begegnen sich in einem nicht unähnlichen kontextfreien Umfeld– märchenhafte Ideale erscheinen im Nebelschleier der Weißen Nächte an der Newa verheißungsvoll, während das Reale diffuser, die Konturen der Wirklichkeit samt scharfem Urteilvermögen, den Vorurteilen und verzerrten Annahmen, verschwommener, weicher und die Projektionsfläche umso brauchbarer wird.

Meine Mindmap ist Makulatur: erneut gewinne ich keinen Blumentopf mit meinen Interpretationen. Nur die im Vorgespräch mit Steffsel hastig überflogene Theorie der Psychoanalyse liefert einige Belege für die Idee der Mär: Vor der durch die meteorologische Verhältnisse der Weißen Nächte bedingten surrealen Kulisse sucht der manisch-depressive (tragische) Held das romantische Ideal der reinen Unschuld. Die verzweifelte, an ihre blinde Oma (Drache) „gekettete“ Heldin, bangt, ihre Unschuld dämlich aufs Spiel gesetzt zu haben. Am Rande des Nervenzusammenbruchs schmachtet sie nach der befreienden Rettung durch den Prinzen (beinahe Erstbeste). Der Erlöser (etwas überrumpelt) veranlasst ahnungslos die erhoffte Befreiung (ansehnlicher Tollpatsch).

Klischees, Schablonen, Stereotypen – das künstliche Melodrama strapaziert viel eher die Nerven, als dass es das Mitgefühl weckt: und ich dachte, Frau Roßbarcher bliebe auf Ewig der Champion des Geistlosen.

 

Dostojewskij: Sekundäres II

BBC Radio inszeniert „The Idiot“ als Hörspiel, für diejenigen, die die Pflichtlektüre bereits hinter sich gebracht haben und nach mehr hungern.
Erster Teil gibt es am 2. Februar 2015 zu hören und danach (so hoffe ich) als Podcast zur Verfügung gestellt.

Das aktuelle Wetter bietet die perfekte Untermalung hierfür – ein Spaziergang entlang der verschneiten  Newaufer Isarauen. (Für ein vollendetes Eintauchen und perfektes Transportiertwerden ins 19. Jhr, nord-ostwerts,  sollten grantige Dackel und gschaftlhuberische,  nordic-walkende Pensionäre fleissig ignoriert werden.)

Und wer sich vor der Stimme des Wahnwitzigen bei solch einem Spaziergang nicht fürchtet, gibt es Dostojewskij von Kinski vorgetragen. (Sonnenschein ist empfehlenswert.)

Viel Vergnügen.

Bücher 2014

Pflichtlektüren

Elias Canetti: Die Fackel im Ohr
Heinrich Böll: Fürsorgliche Belagerung
Sibylle Lewitscharoff: Pong
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern*
Monika Maron: Zwischenspiel
Max Frisch: Biografie: ein Spiel
Hanno Rauterberg: Wir sind die Stadt!: Urbanes Leben in der Digitalmoderne
Scott Bradfield: Good Girl Wants It Bad

Dazwischen

Hannah Arendt: Reflections on Literature and Culture
Lena Dunham: Not That Kind of Girl: A Young Woman Tells You What She’s „Learned“
Vladimir Nabokov: Vorlesungen über russische Literatur*
Georg Simmel: Die Großstädte und das Geistesleben
Juanjo Guarnido, Juan Díaz Canales: Blacksad, Band 2: Arctic Nation 
Léo Malet und Nicolas Barral: Nestor Burma – Stress um Strapse
Tom Clancy: Command Authority

…noch auf dem Nachttisch

Christopher Clark: The Sleepwalkers: How Europe Went to War in 1914
J. J. Scarisbrick: Henry VIII**

Bild © Art of Narrative 

Nr. 42

wir traffen uns und diskutierten über scott bradfields gute mädchen haben’s schwer. wir teilten unsere gedanken über romantisierung, übertreibung, das richten, die freiheit, klischees, lolita, den schreibstil von white trash, wahrheit und lüge. allzu langer dikussion über die lektüre gaben wir uns eher nicht hin, aber in koffmans kühlkammer wärmte der vino und die ausgezeichnete kürbis-ingwer-quiche von innen, und so hielten wir es, obwohl nur zu dritt, recht lange aus.

schließlich gelangten wir thematisch nach wien und damit auch zum vorschlag, ein damsels-wochenende „auf spuren der literatur“ dort zu verbringen – die terminvorschläge machen sich demnächst auf den weg.good_girls_42_small

Was wir nicht lesen

Den Roman, den dieser Rezensent nach  „…  750 Seiten am liebsten sofort von vorn beginnen würde.…“ lesen wir nicht. Den Roman, dessen Kritiken sich lediglich mit der Übersetzung beschäftigen, da das Werk über jeder Kritik erhaben zu sein scheint, war UNS zu üppig, obschon es als unsere nächste Lektüre von Schicksal auserkoren war.
Nein.

Stattdessen lesen wir bis zum Freitag, den 29. August, 2014, Frau Marons Zwischenspiel.

Zeichnung von Ludwig Pietsch, 1865.

Unser Abend mit Pong

Pong von Sibylle Lewitscharoff: das Buch und die Hauptfigur
Die Fragen:
Ist der große Ratsch nur ein Synonym für die Feder auf dem Papier, kommt Pong durch das Kratzen der Feder auf dem Papier in die Welt?
Ist Evamarie Urmutter und Mutter Gottes in einer Person?
Ist Pong Gott?
Die Aussagen:
Ja, Pong ist Gott – er schafft eine neue, beschleunigte Schöpfung.
Nein, Pong ist auf keinen Fall Gott – denn wenn er Gott wäre, woher kämen die Befehle, die er „von oben“ empfängt?
Kinder werden wie Haustiere behandelt, das ist abstoßend
Fortpflanzung ist technisch, das Beziehungsmodell reaktionär
Eine göttliche Schöpfung, die sehr düster ist.
Die Frau hat kein Herz
Die Zusammenfassungen:
Pong ist lyrisch, der theoretische Unterbau hat gestimmt – aber Pong transportiert nichts, löst nicht mal ein Gefühl „Gefallen“ oder „Nicht Gefallen“ aus, ist nicht emotional, nicht ärgerlich, ist lediglich eine Bühne für die Gabe der Autorin
Pong ist überflüssig
Pong ist gut geschrieben mit gegensätzlichen Bildern, es lohnt sich, das Buch gelesen zu haben.
Pong ist
  • krass, genial, vermessen, widerwärtig, geschrieben wie von einem Mann
  • erkennbar psychotisch
  • zu kopflastig, zu abstrakt, zu technisch
  • nicht zwingend ein Mann

Nr. 37

Heinrich Böll Fürsorgliche Belagerung
Freitag, 11. April 2014

Eindrücke und Gedanken
Seit Jahren engagiert sich Mariss Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, in unnachgiebiger Überzeugungsarbeit, durch Spenden in Form von Gageverzicht für Münchens Musiklandschaft. Mit beharrlicher Hingabe hält er das Gespräch lebendig für den Bau eines neuen Konzertsaals in der Bayerischen Hauptstadt: mit Klagen über die unbestritten verpfuschte Akustik im Gasteig und die ebenso wenig ideale des Herkulessaals. Auf Reisen, beispielsweise in Japan, erfahren die Musiker des Orchesters, wie es auch in München sein könnte: »…der Klarinettist Werner Mittelbach erklärt, was die besondere Akustik der Suntory Hall ausmacht: „Dort hört man die Kollegen so, wie man sie hören muss. Und man hört sich selbst so, wie man sich hören muss. …« (SZ Magazin aus 
Heft 10/2008 München braucht einen neuen Konzertsaal! Ein Plädoyer. von Johannes Waechter) Auch in der aktuellen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung spricht Daniel Barenboim über das Zuhören. Als Spielender, aber auch als Publikum ist das aufmerksame, geduldige Zuhören die Voraussetzung, um Musik zu erschaffen und zu erfahren, die unentbehrliche Achtung vor dem Klang, aber auch vor der Stille, also dem Klanglosen, gegenüber.

Für Akustikbanausen wird die Tragweite der Entscheidung, eine gestalterisch wertlose IKEA Pendelleuchte wegzurationalisieren, erst später, im Gedröhn des Gesprächs von sieben Damen, akut bewusst. Erst später, inmitten von kakophonem Kauderwelsch, offenbart sich auch die Bedeutung von Geduld und Höflichkeit – das bedachtsame Selbstvertrauen, dem Gesprächspartner (oder den Gesprächspartnern) den gleichen Stellenwert einzuräumen wie sich selbst: das Stillsein. 

Unser Canetti-Treffen verliess ich mit Freude über das entstandene Gefühl, bereichert worden zu sein, das – im Nachreflektieren ersonnen – nur durch Zuhören entstehen konnte. Der Böll-Abend bot ebenfalls Momente, in denen das Stillsein und Zuhören weitaus bedeutsamer waren als die Selbstmitteilung. Durch Stillsein und Zuhören  – so absurd, wie es klingen mag – konnte die bis dahin herrschende Gedankenwirrnis aufgelöst, mit Neuem ergänzt und zu einem Sinnvollen vervollständigt werden. Während des Lesens entstehen unzählige, zusammenhanglose Skizzen, ein oftmals frustrierendes Weißes Rauschen der Ideen, das, wenn ich innehalte und den Anderen lausche, sich in Wohlklang auflöst. Des Öfteren werde ich von diesen Augenblicken der Luzidität übermannt – mit Hilfe der Ideen Anderer klingt die ohrenbetäubende Dissonanz ab, es bleibt nur das euphonische Echo des Verständnis’.

Eine Aussage hallt immer noch nach: Bölls bemerkenswerte Toleranz (von Gamsel lobend erwähnt), sein emphatisches, urteilsfreies Dokumentieren der Werdegänge und Geschehnisse, das Nicht-Richten über seine Charaktere finde ich, im Nachhinein, auch heldenhaft. Heldenhaft, wenn man bedenkt, wie meinungsstark Böll auftrat, wie bedingungslos seine Ansichten waren.

Bildeindrücke des Abends

© Rheinisches Bildarchiv Köln (Portrait Heinrich Böll)

Wissen und Nichtwissen

Betritt man zum ersten Mal eine Wohnung, saust der hektische Blick umher auf der Suche nach der häuslichen Bibliothek. Die grausam voreilige Bewertung hängt nicht nur von der Anzahl der Regale ab: wenn vorhanden und mit Büchern gefüllt (Periodika, Kristallgegenstände, Langspielplatten,  Schuhe, DVD’s oder CD’s u. ä. sind kein Ersatz), streift der forschende Blick über den Inhalt, da das Ordnungsprinzip dessen nicht minder entscheidend ist – sind die Bücher nach Farbe, Größe, Themen oder gar LLC sortiert?

Während des Treffens zur Besprechung von Die Fackel im Ohr, inspiriert vom Vezas Memorieren vom The Raven von E. A. Poe, entstand der Gedanke nachzuforschen – frei nach Bradbury –  welche Lektüre eine jede Damsel für das Auswendiglernen wählen würde.

Nach welchen Kriterien wählt man nun das Buch? Länge, Unterhaltungsfaktor, persönliche Vorliebe oder kultureller Stellenwert?